Father And Son (ca. 2020)

Von Lukas Heinser, 27. August 2008 12:46

– „Papa, Papa!“
– „Ja, mein Sohn?“
– „Ich hab gerade in der Encyclopedia Blogia gescrollt …“
– „Oh.“
– „Was ist dieses ‚Spiegel Online‘, von dem 2008 so viele Leute geschrieben haben?“
– „Das war damals ein großes Online-Magazin. Erst gab es über viele Jahrzehnte ein angesehenes Printmagazin …“
– „Tote Bäume?“
– „Genau. Das hatte lange einen guten Ruf. Dann hatte es irgendwann einen unfassbar schlechten Ruf – aber nicht beim einfachen Volk. Das hat sowohl die Print- als auch die Online-Version geliebt. ‚Spiegel Online‘ war das meistgelesene Online-Medium zu dieser Zeit.“
– „So wie ‚Coffee And TV‘ heute?“
– (lacht) „Ja, so ungefähr. Die Leute haben alles geglaubt, was bei ‚Spiegel Online‘ stand. Nur die Medienkritiker …“
– „Leute wie Du, Onkel Niggi und Onkel Knüwi?“
– „Solche Leute, genau. Wir haben ‚Spiegel Online‘ kritisiert für schlechte Recherche, einseitige Berichterstattung und deren Klick…“
– „Die haben noch Klickhurerei gemacht?!“
– „Wo hast Du denn das Wort schon wieder gelernt?“
– (lacht)
– (grummelt) „Jedenfalls: ja, haben sie.“
– „Oh Mann, wie peinlich!“
– „Du musst wissen: damals galten page impressions noch als heiliger Gral im Internet.“
– (lacht)
– „Na ja, das waren jedenfalls ‚Spiegel‘ und ‚Spiegel Online‘. 2008 müsste das Jahr gewesen sein, in dem sie gefragt haben, ob das Internet doof macht, und über Twitterer und Blogger gelästert haben.“
– „Aber warum das denn?“
– „Zum einen, weil sie Angst davor hatten – zu Recht, wie wir heute wissen – zum anderen, weil sie sichergehen konnten, dass fast alle Blogger und Twitterer darüber schreiben würden. Und wenn alle über den ‚Spiegel‘ schreiben, sieht es noch ein bisschen länger so aus, als sei der ‚Spiegel‘ relevant.“
– „Hmmmm. Aber eins versteh ich nicht …“
– „Ja?“
– „Warum haben denn immer alle Blogger und Twitterer darüber geschrieben? Konnte denen das nicht egal sein?“
– „Ja sicher, eigentlich schon.“
– „Oma hat mir mal erzählt, wie sie vor vielen Jahren mit anderen Leuten ein Atu … Autom …“
– „Atomkraftwerk?“
– „Ich glaube ja. Wie sie sowas verhindert haben. Denen war immer egal, was die anderen gedacht, gesagt und in der Zeitung geschrieben haben.“
– „Tja. Die waren damals viel an der frischen Luft um zu demonstrieren, Sauerstoff beruhigt. Wir saßen schlecht gelaunt in unseren Büros und haben uns dann halt aufgeregt. Ab 2009 hat aber keiner – oder kaum noch einer – auf den ‚Spiegel‘ reagiert, so dass sie 2010 aufgeben mussten.“
– „2010? Noch vor Zoomer?!“
– „Ja, das ging damals ganz schnell.“
– „Und was ist aus den ganzen Leuten geworden, die da gearbeitet haben?“
– „Das war das lustigste: Als ‚Spiegel Online‘ zugemacht hat, kam raus, dass da nur drei verwirrte alte Männer gearbeitet haben: ein Taxifahrer, ein Drogenabhängiger und ein Mann, dem ein wahnsinniger Wissenschaftler ein Brötchen anstelle seines Gehirns eingepflanzt hatte. Alles andere kam aus Computern.“
– „Gruselig.“
– „Ja. Aber nur halb so gruselig wie deren Texte.“
– „Papa?“
– „Ja?“
– „Können wir noch ein bisschen Hologramme gucken?“
– „Was willste denn sehen?“
– „Den Film mit dem Zeitungsmann, der stirbt. Mit dem Schlitten. Das ist sooooo lustig!“

20 Kommentare

  1. André
    27. August 2008, 13:01

    Hihi, sehr gut. Habe mich gut amüsiert beim Lesen.

    Bin ja mal gespannt, ob es wirklich so in etwa sein wird. Wäre jedenfalls eine schöne neue Welt ;)

  2. Felix
    27. August 2008, 13:07

    Mein Lieblingszitat: “2010? Noch vor Zoomer?!”

    Sehr gut gemacht!

  3. Johanna
    27. August 2008, 13:16

    Finde das mit dem „einfachen Volk“ etwas diskriminierend. Dabei lese ich beides nicht. Noch nie.

  4. David
    27. August 2008, 13:49

    Herrlich :-)

    Wobei man aber doch fairer Weise sagen muss, dass man sich auf den Spiegel (und SPON meistens auch) immer noch deutlich mehr verlassen kann also auf so manches andere Medium. Was mich bei Spiegel Online seit längerem stört, ist diese „boulevarddisierung“ (oder so ähnlich ;) ), weiß nicht ob das früher anders war oder mir einfach nicht so aufgefallen ist, dass immer mehr Boulevardthemen aufgegriffen werden – was wie ich finde absolut unnötig ist.
    Und zur Printausgabe habe ich eigentlich nichts negatives – meinungsstarke Artikel gibts dort schon seit ich ihn lese und finde das auch gut. Ob aktuelle Artikel schlechter recherchiert sind als frühere kann ich nicht beurteilen.

    Ich fänd übrigens die Idee ganz reizend, wenn Lukas, Stefan und noch der ein oder andere… mal ein eigenes Nachrichtenportal starten würden :-) (dann könnte ich es mir ersparen die ganzen Blogs alle einzeln zu durchforsten)

    Lieben Gruß

  5. andre
    27. August 2008, 13:56

    Ich hoffe doch, das Zoomer nicht bis 2010 durchhält. ;)

    Bei SpOn vertraue ich immer noch dadrauf, dass da noch mal was draus wird.

  6. Johannes
    27. August 2008, 15:13

    Danke für den Text. :-)

  7. Philip S.
    27. August 2008, 15:57

    Ist das bevor die denkende, Killeroboter den Planeten in Beschlag nehmen, weil dann müsste der letzte Satz lauten:

    – Nein, mein Junge, wir müssen zurück in die Bergwerke. Ach wenn uns Coffee und TV doch nur rechtzeitig mit einer großbuchstabigen Überschrift gewarnt hätte.

    (nee sehr schön)

  8. peimpel
    27. August 2008, 16:40

    Moin! Ein wirklich schöner Text. Aber bitte nicht hauen: Ich hab die Schlusspointe mit dem Film nicht verstanden. Kann mir jemand auf die Prünge helfen? Danke!

  9. Hirngabel
    27. August 2008, 19:41

    @peimpel
    Ohne ihn gesehen zu haben, würde ich jetzt auf „Citizen Kane“ tippen.

    @Lukas
    Immer dieses Nachtreten gegen ohnehin schon am Boden liegende. Kann ich ja nicht wirklich gut heissen.

    Aber grinsen musste ich schon sehr vorhin beim Lesen im Büro. Nicht nur wegen des gnadenlos großen Egos des Autors… =)

  10. Uwe
    27. August 2008, 20:10

    Solche Texte sind genau der Grund dafür, dass Blogs die Zukunft sind. Gut, nur eine Nische besetzt – aber die perfekt.

  11. meistermochi
    27. August 2008, 20:51

    TOP! :)

  12. asaaki
    27. August 2008, 21:33

    wie, zoomer gibt es noch? ich dachte, das offene laboratorium für gescheiterte medienmacher wurde mangels relevanz und entzogener subventionen eingestellt. naja, vielleicht nächste woche.

    sehr schöne geschichte nebenbei bemerkt!

  13. Caro
    28. August 2008, 9:11

    „Onkel Niggi“ – sehr geil!

  14. SomeVapourTrails
    28. August 2008, 11:35

    Mir leuchtet der Sinn dieses Textes nicht ganz ein. Page Impressions werden allerorts als das Kriterium schlechthin gesehen. Und weiters fallen mir ein Dutzend journalistisch bedenklicherer Internetauftritte ein. Und für einen Abgesang auf das klassische Zeitungswesen scheint es mir zu früh, warten wir da lieber noch ab, wie es mit der Kommerzialisierung von Blogs weitergeht. Dennoch: Lesenswert und nett geschrieben.

  15. Annabell
    28. August 2008, 11:51

    Großartig! Hinreißend!

  16. Lukas
    28. August 2008, 11:51

    @peimpel/Hirngabel: Ja, „Citizen Kane“.

    Nicht nur wegen des gnadenlos großen Egos des Autors…

    Kinder vergöttern halt ihre Eltern. Auch ungeborene und ungezeugte.

    @SomeVapourTrails: Eventuell trägt es zum Verständnis des Textes bei, die Jahreszahl in der Überschrift zu beachten.

  17. SomeVapourTrails
    28. August 2008, 12:03

    @Lukas

    Die Jahreszahl ist mir bewusst. Aber auch augenzwinkernde, kritische Zukunftsfantasien können ab und an auch einen Schuss Realismus vertragen. Ob Blogging ein echtes Allheilmittel für eine aufgeklärte Informationsgesellschaft ist, das wird sich weisen. Ich glaube ja nicht so recht daran.

  18. links for 2008-08-28 | Endl.de | Zielpublikum Weblog
    28. August 2008, 13:31

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  19. STU
    28. August 2008, 18:36

    Bitte bei Ergreifung der Weltherrschaft nicht vergessen, dass ich dich im Feed-Reader hatte, schon damals, in den ollen Nuller-Jahren!

  20. Sash
    28. August 2008, 18:56

    Danke, danke, danke!
    Selten auf so wenig Raum so viel Grund zu lachen gefunden!

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