Beiträge vom Juli, 2008

Kennste einen, kennste alle

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. Juli 2008 16:32

Gestern Abend startete im ZDF mit Woody Allens “Match Point” die sechzehnte Auflage der “Sommernachtsphantasien”. In dieser Filmreihe zeigt der Sender seit 1993 im – Sie ahnen es – Sommer erotische Filme.

Vielleicht hätte man das dem Menschen mitteilen sollen, der bei “RP Online” über die Reihe schreiben musste:

Der Vorstoß des „Zweiten“ kommt unerwartet. Eigentlich passt die Serie eher zu Sendern wie RTL II oder Vox. Dennoch wagt sich nun auch der als züchtig bekannte Sender mit sechs mehr oder weniger erotischen Streifen wie Woody Allans “Matchpoint“ oder Clément Virgos “Mein erster Mord” in neue Gebiete vor.

Auch sonst wirkt der Artikel, der natürlich von einer 20-teiligen Bildergalerie mit Szenenbildern aus den Filmen der “Sommernachtsphantasien” begleitet wird, seltsam schlecht gelaunt und … bieder:

Auch wenn die Filme alle samt nicht aus Deutschland stammen, so halten zumindest hiesige Beispiele wie Charlotte Roche und ihr Bestseller “Feuchtgebiete” oder Skandal-Rapperin Lady “Bitch” Ray mit ihrem tabulosen Auftritt bei “Schmidt & Pocher” als Argumente für mehr Erotik und Sex im öffentlich-rechtlichen Fernsehen her.

Sie finden die Erwähnung von Charlotte Roches Romanerfolg “Feuchtgebiete” ein wenig arg bemüht? Nun, unter Medienjournalisten scheint er gerade schwer in Mode zu sein, denn auch im “Kölner Stadt Anzeiger” steht zum Start der “Sommernachtsphantasien”:

Woody Allans „Matchpoint“ ist heute (22.15 Uhr) der softe Auftakt der „Sommernachtsfantasien“, die sich in diesem Jahr weiter in jene „Feuchtgebiete“ wagen, von denen man annahm, sie würden nächtens nur von Privatsendern betreten: die blonde Schauspielerin Nola (Scarlett Johansson) zieht den schönen Tennislehrer Chris (Jonathan Rhys Meyers) in einen Strudel von Begehrlichkeiten.

Und in der “Welt” steht über “Match Point”:

Es ist ein eher softer Aufschlag für eine Filmreihe, die sich immer weiter in Regionen vorwagt, von denen man dachte, sie würden eher von RTL II beackert werden. Das ZDF hat die so genannten “Feuchtgebiete“ entdeckt.

Jetzt sagen Sie natürlich zu Recht, die beiden Zitate klängen ein wenig ähnlich. Das könnte daran liegen, dass die Artikel in der “Welt” und im “Kölner Stadt Anzeiger” beide von Antje Hildebrandt geschrieben wurden. Die kleinen Umformulierungen, die die beiden Artikel anfangs unterscheiden, hören irgendwann auf, bis beide Artikel einigermaßen wortgleich enden.

Wie gesagt: die Artikel bei “Welt” und “Kölner Stadt Anzeiger” stammen beide von der gleichen freien Journalistin, was man moralisch diskutieren könnte, urheberrechtlich aber einwandfrei ist. Der Artikel bei “RP Online” hingegen, der sprachlich und strukturell an die beiden anderen erinnert, den hat Frau Hildebrandt nach eigenen Angaben nicht geschrieben.

Schauen wir uns die letzten drei Absätze bei “RP Online” doch einmal im direkten Vergleich zu den (insgesamt wesentlich längeren) Hildebrandt-Texten an:

“RP Online” “Welt” “Kölner Stadt Anzeiger”
Richtig schlüpfrig wird es dagegen erst im letzten Teil am 11. August. Dann sendet das ZDF in „Liebe Mich“ („Lie with me“) einen Streifen, der schon bei der Erstausstrahlung auf der Berlinale 2006 unter anderem Aufsehen erregte. Als “schärfstes“ Betthupferl verkauft ZDF-Redakteurin Doris Schrenner jedoch den kanadischen Film “Lie with me“ (auf deutsch: „Liebe mich!“), der auf der Berlinale 2006 erhebliches Aufsehen erregte – in erster Linie wegen seiner expliziten Sexszenen. Als „schärfstes“ Betthupferl bewirbt ZDF-Redakteurin Doris Schrenner den kanadischen Film „Lie with me“ („Liebe mich!“), der auf der Berlinale 2006 Aufsehen erregte – in erster Linie wegen seiner expliziten Sexszenen:
Das ZDF verweist in der Diskussion um die schärfsten „Sommernachtsphantasien“ in der 16-jährigen Geschichte der Reihe unterdessen auf die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK). Diese erteilt den Filmen eine Freigabe ab 16 Jahren und stellt dem ZDF damit die Erlaubnis für eine Ausstrahlung nach 22 Uhr aus. Fragt man Doris Schrenner aus der ZDF-Spielfilmredaktion, nach welchen Aspekten sie und ihr Kollege Manfred Etten die Filme für die Reihe “Sommernachtsfantasien“ auswählen, verweist sie auf das Gütesiegel der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK): Freigegeben ab 16 Jahren. Fragt man Doris Schrenner aus der ZDF-Spielfilmredaktion, nach welchen Aspekten sie und ihr Kollege Manfred Etten die Filme für die Reihe „Sommernachtsfantasien“ auswählen, verweist sie auf das Gütesiegel der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK): Freigegeben ab 16 Jahren.
Außerdem erreiche den Sender nur äußerst selten Beschwerdepost wegen zu freizügigen Aufnahmen. Ein echtes Phänomen – wenn es dabei bleibt. Beschwerden, nein Beschwerden über allzu freizügige Aufnahmen erreichten den Sender nur selten. Beschwerden über allzu freizügige Aufnahmen erreichten den Sender nur selten.

Sogar die falsche Schreibweise von Woody Allens Namen in Frau Hildebrandts Artikeln (“Allan”) taucht im Text von “RP Online” wieder auf.

Meine Frage, wie man sich diese frappierenden Ähnlichkeiten erklären könne, hat “RP Online” noch nicht beantwortet.

Nachtrag, 17:53 Uhr: Jetzt kam doch noch eine Antwort aus der Online-Redaktion. Hier der vollständige, von Grußformeln bereinigte Wortlaut:

[S]icherlich hat unser Autor einen Text zu einem Thema geschrieben, das auch Frau Hildebrandt bearbeitet hat. Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.

Nachtrag, 9. Juli 2008, 17:05 Uhr: Sie ahnen nicht, wie “RP Online” jetzt doch noch auf diesen Blog-Eintrag (und dessen Verlinkung bei Stefan Niggemeier) reagiert hat:

Woody Allan heißt jetzt Allen.

Also dann: “Mein erster Mord” ist von Nick Guthe und nicht, wie von Euch behauptet, von Clément Virgo. Die Zeit läuft …

TV-Tipp: “Schattenkinder”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. Juli 2008 10:42

Vor einem halben Jahr schrieb ich über den Dokumentarfilm “Schattenkinder”, der mich ziemlich beeindruckt hatte.

Da immer wieder Leute auf der Suche nach dem Film und seinen Ausstrahlungsterminen hier im Blog landen, dachte ich mir, ich weise mal darauf hin, dass der Film am Dienstag, dem 8. Juli um 23:00 Uhr im Südwestfernsehen läuft.

Nachtrag, 8. Juli: Der Leser Christian weist mich darauf hin, dass eine weitere (diesmal offensichtlich einstündige) Ausstrahlung des Films in der Nacht zum 15. Juli um 3:00 Uhr im NDR Fernsehen stattfindet.

Warum der Film heute im SWR nur 30 Minuten dauerte (statt 45 Minuten, wie bei manch anderer Ausstrahlung), weiß ich leider nicht, da ich ihn heute nicht noch einmal gesehen habe.

Nicht wütend genug

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. Juli 2008 23:59

Auch bevor er seinen Kopf verloren hatte, war der Berliner Wachs-Hitler seit Tagen in der Presse. “Bild” sah mal wieder eine “Empörung in ganz Deutschland” (bei der Abstimmung auf Bild.de sind derzeit 77% der Leser der Meinung, dass Hitler als Wachsdenkmal “o.k.” sei) und Michel Friedman sprang mal wieder über ein Stöckchen, das “Bild” ihm hingehalten hatte.

Wir haben also in den letzten Tagen jede Menge über den falschen Führer in Berlin gehört, gesehen und gelesen. Wie üblich durfte sich jeder, dessen Empörung nur glaubwürdig genug vorgetragen war, zum Thema äußern.

Aber ist Ihnen in den letzten Tagen und in diesem Zusammenhang mal der Name Stephan Kramer begegnet? Stephan Kramer ist Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland und hatte sich bereits vor gut einem Monat im Gespräch mit der “Netzeitung” zu dem Thema geäußert:

Kramer sagte zwar, Hitler solle in Berlin keine Touristenattraktion werden. «Wenn eine solche Ausstellung jedoch dabei hilft, unsere Sicht auf Hitler zu normalisieren und ihn zu demystifizieren, dann sollte man es versuchen.»

Dazu gehört für den Zentralrat auch die Beschäftigung mit der Historie: «Zu versuchen, Hitler aus der Geschichte zu löschen, funktioniert nicht und ist kontraproduktiv», sagte Kramer. Dies mache die Opfer des Holocaust nicht lebendig und beseitige nicht die verursachten Schäden und begangenen Verbrechen.

Klingt einigermaßen moderat, nicht? Und möglicherweise schlicht zu unspannend für die Presse, die ja immer auf den großen Skandal aus ist.

dpa und epd haben Kramers wichtigste Aussagen noch am gleichen Tag getickert, in deutlich verkürzter Form tauchte die Meldung Anfang Juni auch in der Berliner “Bild” auf. Als es jetzt kurz vor der Erinnerung heiß her ging, erinnerte sich kaum noch jemand an Kramers liberale Position.

So stieß ich auf den Namen Stephan Kramer und seine Meinung zum Wachs-Hitler in einem Bericht der BBC über die Köpfung (aus Stephan wurde dort allerdings Stephen).

Dort blieb von der “Empörung in ganz Deutschland” auch nur noch ein Nebensatz übrig:

Despite some criticism in the media, Stephen Kramer, general secretary of the Central Council of Jews in Germany, said he did not object to Hitler being shown, as long as it was done properly.

Eine kurze Recherche bei Google News ergab, dass Kramer in diesen Tagen genau zwei Mal von der deutschen Presse zum Thema zitiert worden war: heute Morgen in der “Märkischen Allgemeinen” und nach dem Übergriff in der “Erlebnis-Community” “Kwick!”

Einmal mit allem, bitte

Von Daniel Gerhardt
Veröffentlicht: 5. Juli 2008 16:34

Man sollte sich da nichts vormachen: In der Popmusik ist es immer auch darum gegangen, den Leuten etwas vorzumachen. Authentizität ist unwichtig, gute Absichten sind zweitrangig, fake ist real, irgendwie. Man kann viel Geld mit dieser Erkenntnis machen – oder das, was sich der 26-jährige Musiker Gregg Gillis aus Pittsburgh, Pennsylvania ausgedacht hat. Unter seinem Künstlernamen Girl Talk hat er vor einigen Tagen sein viertes Album “Feed The Animals” ins Internet gestellt und damit nicht weniger als eines der konsequentesten und aufschlussreichsten Pop-Denkmäler aller Zeiten geschaffen.

“Feed The Animals” ist eine Platte, die deshalb funktioniert, weil sie das eigentlich ausgelutschte Prinzip des Bastard-Pops mit derartiger Dreistigkeit auf die Spitze treibt, dass die Rechtsabteilungen der verbliebenen Major-Plattenfirmen um Verstärkung durch die amerikanische Nationalgarde bitten mussten.1 Gillis sampelt alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist2 – gleichzeitig und ohne allzu wählerisch zu sein. Eine unvollständige Auflistung bei Wikipedia zählt mehr als 200 Pop-, Rock-, HipHop-, R’n'B- und Metal-Songs, die auf “Feed The Animals” übereinander gelegt, umeinander gewickelt und miteinander verzahnt werden.

Das Ergebnis davon ist die Geschichte der Popmusik in 54 Minuten und 14 Tracks mit fließenden Übergängen – ein Album, das wegen Gillis’ musikalischer Sozialisation vor allem mit den letzten beiden Jahrzehnten beschäftigt ist, aber auch die Beach Boys, David Bowie, Prince oder Genesis noch an irgendeiner Stelle verwurstet bekommt. Man kann dann feiern mit “Feed The Animals”, sehr gut sogar. Man kann sich fast noch besser davon entnerven lassen, mit ihm in Erinnerungen schwelgen, an der grandiosen Hohlheit des Ganzen verzweifeln und musikwissenschaftliche Ambitionen als Sample-Jäger mit Lupe und Textmarker ausleben. Am wichtigsten ist aber: “Feed The Animals” reißt einem die Genre-Grenzen des eigenen Musikverständnisses praktisch von selbst ein; man weiß am Ende: Pop ist alles. Und nichts. Immer gleichzeitig.

Mit anderen Worten: Alles was Popmusik jemals konnte und wollte, steckt in dieser Platte – und Gillis verschenkt sie derzeit über die Homepage seines Labels Illegal Art. Halbgute Menschen zahlen trotzdem fünf Dollar und erhalten die Platte in CD-Qualität und als praktischen Ein-Datei-Endlosstream. Richtig gute Menschen legen noch mal fünf Dollar drauf und bekommen das Album im September zusätzlich als CD zugeschickt.

  1. Das ist – natürlich – gelogen. In einem Interview mit Pitchforkmedia hat Gillis aber zumindest Erstaunen darüber ausgedrückt, dass die bisher einzige Rückmeldung von Business-Seite eine E-Mail des Managers von Sophie B. Hawkins war. Sie würde gerne mit ihm zusammenarbeiten. []
  2. Eine Methode, nach der auch Gillis’ erste drei Alben funktioniert haben. Keines davon hat das Konzept allerdings so ambitioniert und popfokussiert ausgereizt wie “Feed the Animals”. []

Fahnenfluch (Metaware)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2008 18:51

Da haben die Grafiker bei den “Tagesthemen” also schon wieder eine falsche Flagge eingeblendet – diesmal die amerikanische.

Und weil vielleicht nicht jeder Deutsche exakt weiß, wie die “Stars And Stripes” aussehen, erklärt “RP Online” nochmal, was genau nochmal der Fehler war:

Kurz vor dem Ende der Sendung zeigte die ARD nicht je drei rote und weiße Streifen, sondern drei rote und vier weiße.

Na ja, fast

Nachtrag, 21:54 Uhr: Wie gesagt: “RP Online” liest hier mit und stellt jetzt (etwas umständlich) klar:

Kurz vor dem Ende der Sendung zeigte die ARD nicht je drei rote und weiße Streifen am linken Rand unterhalb des Sternenfeldes, sondern einen weißen zu viel.

Meeting Ben Folds

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Juli 2008 0:57

Heute machen wir’s mal so richtig Dogma-mäßig: Auf Sie wartet ein englischsprachiges Interview, ungeschnitten, gedreht in einer nicht wirklich ruhigen Hotellobby, mit einem Camcorder mit etwas verschmutzten Bild- und Tonköpfen.

Warum Sie sich das antun sollten? Nun, es ist ein Interview mit Ben Folds.

Teil 1:

[Direktlink]

[...]

“1966 hätten sie beinahe in Marburg gespielt”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Juli 2008 13:39

Stellen Sie sich vor, Sie müssten eine Meldung über Paul McCartney und George Harrison schreiben. Weil es eine Handvoll Menschen gibt, die noch nie von den Beatles gehört haben, sollen Sie auch einen kurzen erklärenden Absatz über diese Band einfügen.

Wo fangen Sie an: Bei den Millionen von Platten, die die Band verkauft hat und heute noch verkauft? Bei der “Beatlemania”, die damals die Welt überrollte und bis heute ihresgleichen sucht? Bei den riesigen Vermögen, die jedes Bandmitglied erwirtschaftet hat? Damit, dass die Band nicht wenigen Beobachtern als die beste aller Zeiten gilt?

Nun, der Mitarbeiter von dpa entschied sich für eine Lösung, die sicher nicht falsch ist, den Beatles dann aber doch irgendwie nicht wirklich gerecht wird:

Zu einem der größten Hits der Beatles gehört “I Want To Hold Your Hand” von 1963. Unter dem Titel “Komm, gib mir deine Hand” nahmen sie das Lied sogar auf Deutsch auf.

[gefunden bei "Spiegel Online" und n-tv.de]

Check your papers and the TV

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Juli 2008 13:22

Heute Abend spielt Ben Folds in der Zeche. Um die ohnehin schon große Vorfreude noch ein bisschen anzuheizen, hier ein paar ausgewählte Livevideos:

Errant Dog (neuer Song)

[Direktlink]

[...]

Super-Vertretungs-Symbolfotos (3)

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Juli 2008 1:44

Am flashigsten ist immer noch der gute alte Blitz

Vogelschwatzgebiet

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. Juli 2008 14:00

Eier

In der Romanliteratur sind Ornithologen eher unterrepräsentiert. Zauberer, Agenten, ja selbst Lehrer sind häufiger Helden eines Buches als Vogelkundler. Gut also, dass Marcel Beyer dieser Ungerechtigkeit entgegentritt und in seinem neuen Roman “Kaltenburg” gleich zwei Ornithologen in wichtigen Rollen präsentiert.

Der eine ist der titelgebende Ludwig Kaltenburg, renommierter Experte der Vogel-, ach: der ganzen Tierwelt, der andere Hermann Funk, sein langjähriger Schüler und Mitarbeiter und Erzähler des Romans. Die beiden lernen sich Anfang der 1940er Jahre kennen, als Funk noch ein Kind ist und mit seinen Eltern in Posen wohnt, wo der Professor lehrt. Ähnlich einem frisch geschlüpften Vogel wird Funk in dieser Zeit auf Kaltenburg geprägt und bleibt es sein Leben lang.

Ausgelöst durch Gespräche mit einer Dolmetscherin in der Rahmenhandlung erinnert sich Funk an Kaltenburg und dessen Institut in Loschwitz, an die gemeinsamen Freunde, den Künstler Martin Spengler und den Tierfilmer Knut Sieverding. Diese vier Leben sind untrennbar miteinander verwoben, immer wieder laufen sich die Männer über den Weg und beeinflussen sich gegenseitig. Die Angst, zentraler Gegenstand von Kaltenburgs Tierverhaltensforschung, taucht auch im Umgang der Menschen miteinander immer wieder auf, die Tierwelt fungiert als offensichtliche Projektionsfläche für das Menschliche.

Die Jahre kommen und gehen, so wie die verschiedensten Personen im Dresdner Institut ein- und ausgehen. Im Mittelpunkt steht immer Ludwig Kaltenburg, der dem Erzähler nach dem Verlust seiner Eltern bei der Bombardierung Dresdens eine Art Ersatzvater wird, ohne dass dies je ausformuliert würde. Die ganze Zeit bleibt der Erzähler seltsam eigenschaftslos: obwohl der Leser fast seine ganze Lebensgeschichte erzählt bekommt, erfährt er doch kaum etwas über ihn. Sogar sein Name erscheint eher zufällig im Text – allerdings so betont nebensächlich, dass es nur allzu bemüht wirkt.

Beyers Interesse an der Ornithologie scheint aufrichtig, seine Beschreibungen und Ausführungen fundiert. Leider haftet dafür vielen anderen Szenen, in denen der 42-jährige Autor etwa über die fünfziger Jahre in der DDR schreibt, um so mehr der Makel des Angelesenen an. Den lebendigen Schilderungen des Institutsalltags steht eine farblose, schematische Außenwelt gegenüber, was sich mit etwas gutem Willen natürlich auch als Stilmittel sehen ließe: es gibt eben kaum eine Welt außerhalb des Instituts. Dass der Erzähler verheiratet ist, erfahren wir ebenso beiläufig wie seinen Namen, Kaltenburg selbst ist der Politik gegenüber machtlos, durchschaut die Manöver seiner Feinde nicht und muss seiner eigenen Demontage zusehen, als er sich ab 1964 in fachfremde Gefilde wagt und seine NS-Vergangenheit ans Licht kommt.

Die Hauptfiguren, die sehr eng an Konrad Lorenz, Joseph Beuys und Heinz Sielmann angelehnt sind, sind ausführlich beschrieben und werden doch nicht greifbar. Sie sollen Charaktere sein und Platzhalter für eine Verhandlung deutscher Geschichte, aber sowohl für die eine, als auch für die andere Rolle fehlt ihnen der Tiefgang. Im letzten Teil des Romans wird die Ehefrau des Erzählers über ihre Vorliebe für die Werke Marcel Prousts charakterisiert und es scheint, als versuche Beyer plötzlich auch noch das Vorbild für den eigenen Erzählstil mit einzubauen. Die Dolmetscherin in der Rahmenhandlung ist dabei nicht mehr als eine Stichwortgeberin für die Erinnerungsmonologe des Erzählers, sie selbst bleibt eigenschaftsloser als so manches Tier im Roman.

Das Ärgerlichste aber: der Prolog zu “Kaltenburg” baut eine Erwartungshaltung auf, die das Buch anschließend nicht einlösen kann. Der unglaublich packende Einstieg läuft ins Leere, die folgenden 380 Seiten haben nichts mehr mit den gewaltigen Bildern des Beginns zu tun. Beyers Roman erweist sich als nett geschriebene Nacherzählung, die sich um die Aufladung mit Bedeutung bemüht: große Themen wie Schuld, Konsequenzen des eigenen Handelns und auch persönliche Abhängigkeiten werden immer nur angedeutet und dann wieder liegengelassen. Eine ziemliche Bruchlandung.

Marcel Beyer – Kaltenburg
Suhrkamp, 394 Seiten
19,80 Euro

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