Was der “Süddeutschen Zeitung” heilig ist (und was nicht)

Von Lukas Heinser am Montag, 28. Juli 2008 18:23
Kategorie: Living In A Magazine, Political Science

Wenn ich das damals im Kindergottesdienst richtig verstanden habe, sieht der liebe Gott alles, petzt aber nicht. Für ihn gilt das wohl umfassendste Zeugnisverweigerungsrecht und was man ihm erzählt, geht niemanden sonst etwas an. Wenn man ihm einen Brief schreibt, ist dessen Inhalt darüber hinaus noch von so etwas Weltlichem wie dem Briefgeheimnis geschützt.

Barack Obama, der sich gerade an so einiges gewöhnen muss, konnte sich also eigentlich auf der sicheren Seite wähnen, als er vergangene Woche in Jerusalem ein schriftliches Gebet in eine Ritze der Klagemauer schob. Immerhin hatten das schon Millionen von Menschen gemacht, darunter Papst Johannes Paul II.

Barack Obama musste nicht unbedingt damit rechnen, dass ein Religionsstudent (ausgerechnet!) seinen Zettel aus der Mauer porkeln und an die Zeitung Maariv weitergeben würde – und dass die diesen Brief dann abdrucken würde.

Nicht, dass Obama Schlimmes geschrieben hätte, es geht viel mehr um Vertrauen und ein uraltes religiöses Symbol. Entsprechend kann man auch den Aufschrei verstehen, der nun durch die Medien geht und auch die “Süddeutsche Zeitung” erfasste:

Der marktschreierischen Zeitung Maariv allerdings sind offenbar nicht alle Botschaften heilig. Am Wochenende veröffentlichte das Blatt auf seiner Titelseite die von Obama handschriftlich verfasste Note – und löste damit erhebliche Empörung aus, vor allem bei der Klagemauer-Verwaltung. Sie sieht nun ihre Glaubwürdigkeit in Gefahr, besonders bei den Betenden, die ihre Botschaften faxen oder mailen.

Wie “heilig” der “Süddeutschen Zeitung” Obamas Botschaft war, können Sie freilich daran ablesen, dass sie diese gleich zweimal druckte: einmal ins Deutsche übersetzt und einmal als Foto des Originalbriefs.

7 Kommentare

  1. 1

    dann hätte der Herr Obama der Klagemauer wohl lieber ein Fax, oder eine Mail an gebetszettel@klagemauer.org senden sollen.

  2. 2

    Ich bin ja immer eher für Verschwörungstheorien. Mal ehrlich: Zufall? Eher Wahlkampf.Hätte sich nicht jeder andere den Wahlsieg gewünscht :lol:?

  3. 3

    Ganz ehrlich? Wer auf “Bild”-Reporter reinfällt, taktiert sowas nicht. Ich kann es mir jedenfalls nur schwer vorstellen, aber ich glaube ja auch an das Gute im Menschen.

  4. 4

    Ich bin so zynisch, dass ich an Absicht glaube.
    Was sich Obama da gewünscht hat, ist ja schließlich ein durchschaubarer Allerweltswunsch. Wäre er ehrlich, hätte er geschrieben: Ich will Präsident werden. Aber weil davon auszugehen war, dass jemand den Wunschzettel klaut, bliebs bei einem frommmen Mach-meine-Familie-Gesund-unterwürfigst-Dein-Instrument-Gebet. Soll ja keiner denken, er sei nicht bescheiden..

  5. 5

    ich bin offenbar so unzynisch naiv, daß ich nicht verstehe, was manniac mit “wäre er ehrlich” und “weil davon auszugehen war” meint. ersteres wirkt wie eine unterstellung. Außerdem war doch davon auszugehen, daß der zettel (wunschzettel, wtf?) nicht geklaut wird.

  6. 6

    Und warum sollte Obama sich etwas wünschen, was aus seiner Sicht so wahrscheinlich ist wie Sonnenauf- und untergänge?

  7. 7

    Eigentlich gehts ja hier darum, dass es von der Süddeutschen scheinheilig ist oder?! Und das ist es natürlich! Aber da will nunmal jeder ein Stück vom Kuchen abhaben.
    (Meine Meinung zu der Obama-Inszenierung steht auf einem ganz anderen Blatt.)

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