Herdenprämie
Von Lukas Heinser am Freitag, 20. Juni 2008 16:42
Kategorie: Social Distortion, TV On The Radio
Früher, als Fußbälle noch aus Schweineblasen hergestellt wurden und das einzige Bildschirmempfangsgerät einer Gemeinde in der örtlichen Gaststätte stand, traf sich die Dorfgemeinschaft zu wichtigen Ereignissen wie dem Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft in der vollgequalmten Gaststube und schaute sich die Übertragung im Kollektiv und im Schwarz-Weiß-Fernseher an. Später hatten immer mehr Menschen einen eigenen Fernseher, der sogar Farbbilder darstellen konnte, und man guckte den Gewinn von Welt- und Europameisterschaften im heimischen Wohnzimmer.
Vor zwei Jahren fingen die Deutschen dann wieder an, sich in großen Gruppen auf öffentlichen Plätzen zu versammeln und ihre Nationalflagge zu schwenken. Sehr zur Freude der restlichen Welt verzichteten sie dabei aber auf die ganzen anderen Elemente ihres merkwürdigen Brauchtums. Stattdessen guckten sie auf eine Großbildleinwand und lauschten sogar den Ausführungen der Sportjournalistendarsteller Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner und Bèlá Rêthý, ohne dadurch zum marodierenden Mob zu werden. Vor allem das muss man den Deutschen sehr hoch anrechnen.
Dieses öffentliche Gucken nannten die gleichen Marketingexperten, die sich so geniale phantasiesprachliche Formulierungen wie “Handy”, “Powered by emotion” oder jetzt “We love the new” aus der Nase gezogen haben, “Public Viewing”. Zyniker übersetzten das mit “Völkischer Beobachter”, andere wussten zu berichten, dass man die öffentliche Aufbahrung von Toten in den USA so nenne (was natürlich stimmt, aber genauso wie das gemeinsame Fernsehen nur einen kleinen Teil der Bedeutung des Begriffs ausmacht).
Im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft bat der Jugendradiosender Einslive seine Hörer um Alternativvorschläge zum Begriff “Public Viewing” und bekam einiges an Zusendungen. In einer Abstimmung entschied sich das Publikum für den Begriff “Rudelgucken”, der seitdem bei Einslive mit an Brutalität grenzender Vehemenz promotet wird. Irgendwie mag ich den Klang des Wortes nicht – es erinnert phonetisch viel zu sehr an “Rudelbumsen” und hat auch sonst einen negativen Beiklang.
Anatol vom sehr empfehlenswerten Bremer Sprachblog fasst diesen ganz gut in Worte:
da klingt doch überall die Verachtung derjenigen durch, die Fußball lieber gepflegt zu Hause, oder, noch besser, gar nicht gucken.
Das wirklich Interessante ist aber: im Gegensatz zu den peinlichen Aktionen, die die gruselige “Stiftung deutsche Sprache” regelmäßig durchführt (im Moment sucht sie übrigens ein deutsches Pendant für … äh: “Public Viewing”) scheint der Begriff “Rudelgucken” sofort Einzug in die Alltagssprache vieler (vor allem junger) Menschen gefunden zu haben. Google findet derzeit 71.000 Suchergebnisse, fragt aber auch, ob man nicht “rudel gurken” gemeint haben könnte. Dieser Vorgang ist durch die gezielte Platzierung durch einen Radiosender zwar einigermaßen unnatürlich, aber das war die Verbreitung von “Public Viewing” ja auch.
Freitag, 20. Juni 2008 18:05
Ich würde behaupten, dass der Einzug des Begriffs “Rudelgucken” in die Alltagssprache junger Leute fast ausschließlich der phonetischen Ähnlichkeit zu “Rudelbumsen” geschuldet ist. “Rudelbumsen” ist in der Jugendsprache keineswegs negativ konnotiert.
Freitag, 20. Juni 2008 18:13
Mich erinnert der Begriff ja mehr an “Rudelbildung”. Aber vllt. bin ich da zu sehr Fußball-sozialisiert.
Freitag, 20. Juni 2008 18:55
Von EinsLive kommt der Begriff also. Wie gut, dass ich kein Radio habe und diesen Sender seit meiner Zivizeit nicht mehr hören muss. Ich hatte mich schon gewundert, als unser MeWi-Prof gestern in der Vorlesung aufgrund der Deutschlandflaggen und -trikots im Hörsaal einige hämische Kommentare über Fussballfans und “Rudelgucken” abließ, alles lachte, und scheinbar nur ich den Begriff noch nie gehört hatte. Ich werde “Rudelgucken” aber sicher auch in meinen Wortschatz aufnehmen, ich finde den Begriff schön.
Freitag, 20. Juni 2008 19:04
“Vor zwei Jahren fingen die Deutschen dann wieder an, sich in großen Gruppen auf öffentlichen Plätzen zu versammeln und ihre Nationalflagge zu schwenken.”
Also da muss ich ja mal entschieden widersprechen. Public Viewing gabs schon mindestens bei der WM 2002. Damals hab ich sowohl das Halbfinale als auch das Finale bei uns in der Stadthalle geguckt. Beim Finale waren übrigens doppelt soviele Leute da wie beim Halbfinale, das war sehr…interessant. Und was nach dem Finale abging war schon fast WM06-reif, wurde aber von dem was gestern abging weit weit in den Schatten gestellt.
Auf hessisch heißt das ganze übrigens “Gruppegucke”, was schon mal wesentlich schöner klingt als “Rudelgucken”. Und nein, ich komm nicht aus Hessen sondern auch aus NRW. *g*
Freitag, 20. Juni 2008 20:40
Hm, nie Gedanken gemacht, ob ich den Begriff mag oder nicht. Allerdings find ich jetzt “Meinten Sie: rudel gurken” macht sich als T-Shirtspruch wesentlich besser.
Freitag, 20. Juni 2008 23:11
So phantasiesprachlich ist das Handy übrigens nicht
http://www.britannica.com/eb/a.....torola-Inc
http://www.staff.uni-marburg.de/~naeser/handie.htm
Samstag, 21. Juni 2008 20:55
hr3 hat auch so einen Wettbewerb veranstaltet, da ist La-Ola-Kino gewählt worden.
Zu Reinhold Beckmann: Ich war Ende Mai bei Barbara Schöneberger in Frankfurt in der Alten Oper und da ist er, Reinhold Beckmann, als Gast aufgetreten. Als Sänger – und hat seine Sache wirklich gut gemacht. Zum Glück, weil als Sprecher/Moderator/Kommentator ist er nur als Parodie in Switch zu ertragen.
Montag, 23. Juni 2008 9:17
Bèlá Rêthý… hast du da nicht ein Akzentzeichen vergessen?