Beiträge vom April, 2008

Rockin’ The Suburbs

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. April 2008 9:42

Im Spätherbst 1999 gingen Ben Folds Five, die Band, die ich gerade und bis ans Ende aller Tage zu meiner Lieblingsband ernannt hatte, in Deutschland auf Tour – im Auftrag des “Rolling Stone” und gemeinsam mit Travis, die ich wenig später zu einer meiner absoluten Lieblingsbands ernannte, und Gay Dad. Da Köln und Münster für sechzehnjährige Dinslakener unendlich weit waren, ging ich auf keines der Konzerte und dachte: “Die kommen schon wieder.”

Ein Jahr später hatten sich Ben Folds Five aufgelöst und Ben Folds kam das nächste Mal im Sommer 2005 nach Deutschland. Möglich geworden war das durch die “Ben Folds Society”, die Unterschriften für eine Rückkehr des Pianorockers nach Deutschland gesammelt hatte. Und natürlich war ich bei beiden Konzerten dabei, auch wenn das bedeutete, sowohl nach Berlin, als auch nach Köln reisen zu müssen. Im vergangenen Jahr war ich immerhin bei seinem Konzert in Köln dabei.

Dieses Jahr muss ich Ben Folds nirgendwohin hinterherfahren müssen, dieses Jahr spielt er einen Steinwurf von mir entfernt: in der Zeche in Bochum.

Alle Tourdaten:
30.06.2008: Hamburg, Grünspan
02.07.2008: Bochum, Zeche
03.07.2008: Mannheim, Alte Feuerwache
05.07.2008: Bonn, Rheinkultur-Festival

Feiern wollen wir diese gute Nachricht mit Folds’ Version eines meiner Lieblingslieder:

[Direktlink: "Such Great Heights"]

Wagners Arie

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 9. April 2008 1:58

Patrick Wagner war mal Sänger der mittelguten Band Surrogat, heute betreibt er das Label Louisville Records, bei dem einige mittelgute Bands sowie die grandiosen Naked Lunch unter Vertrag sind. Dort erscheint jetzt das Debütalbum von Navel, die dieses Jahr einen bereits sicheren Supportslot für die Smashing Pumpkins mit der Begründung ablehnten, sie hätten es nicht nötig “mit so abgehalfterten Rockopas wie Smashing Pumpins zu touren”. Kurz vor Veröffentlichung hat sich Herr Wagner, der mit Franz Josef nicht nur den Nachnamen, sondern auch ein mitunter bizarres Selbstverständnis gemein hat, mal ein bisschen ausgekotzt über diese ganzen Blödmänner im Musikbiz, die Navel nicht hinreichend zu würdigen wissen:

Grossartig auch Leute wie Christoph von MTV – “Bei Navel könnte ich mir echt gut vorstellen, wenn das Video gut wird, dass wir da einen Newcomer Deal anbieten könnten – ca 10 000€ später, ist das Video zwei mal gelaufen und MTV lässt über Dritte ausrichten, dass man keinen Rock spiele auf MTV – als hätten sie das nicht einen Moment früher gewusst. Besser sind da schon die herrlichen Kollegen von den Printmedien – am besten aus der Rockhauptstadt München vom Musikexpress – zB. Oliver “das sind Newcomer, oder ?- Ja dann musst du mit Christoph sprechen: “ich weiss nicht ob ich da was bringen kann, es ist so viel los gerade” die Wahrheit ist, dass im März/April ausser Nick Cave und Portishead keine einzige auch nur halbwegs anhörbare Platte rausgekommen ist, da nimmt man schon mal eine Künstlerin aufs Cover die grade nur Coverversionen veröffentlicht, wenn das nicht die Musik vorantreibt? Toll auch Markus vom Radio Sender “Eldoradio” (Hörerschnitt: 4/Tag), der ganz gerne von einem erwartet, dass man für ihn und seinen beschissenen Sender und seine absolut irrelevanten Campuscharts einen Song umschreibt oder ne andre Single auskoppelt und im gleichen Atemzug sagt “Kettcar finden wir zwar auch scheisse, müssen wir aber machen”. Da sind mir die Kollegen von der Spex schon lieber, die einfach, sagen, “da machen wir nichts”, -genauso hab ich mir nen Diskurs vorgestellt.

Mal davon ab, dass die Campusradios zu den wenigen Sendern gehören dürften, die Bands von Louisville Records spielen: Jeder, der schon mal mit “Markus vom Radio Sender ‘Eldoradio’” zusammengearbeitet hat, wird Wagners Schmerz nachempfinden können.

[via taz Popblog]

Back Office

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. April 2008 18:14

Der Klassenraum einer berufsbildenden Schule irgendwo in Berlin. An einem Dutzend Tische sitzen angehende Bäckereifachverkäuferinnen. Vorne stehen der Lehrer und Herr Brödow von der IHK.

Lehrer: Guten Morgen, Mädels! Ihr wisst, heute wird’s ernst! Ich bin aber ganz zuversichtlich, dass Ihr die Prüfung schaffen werdet, Ihr seid ja alle gut vorbereitet. Lasst Euch nicht verrückt machen!
Herr Brödow: Ja, natürlich auch von meiner Seite einen guten Morgen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, ich bin ja nicht hier, um Sie durchfallen zu lassen! (lacht)
Lehrer: Um es möglichst fair zu gestalten, haben wir die Reihenfolge, in der Ihr geprüft werdet, vorab ausgelost. Es geht los mit: Nadine!

Nadine schlägt die Hände vors Gesicht, dann steht sie auf und geht nach vorne.

Herr Brödow: Nadine, machen Sie sich keine Sorgen. Ihre Noten sind ja allesamt sehr gut, sehe ich. Wir machen ein kleines Rollenspiel: Ich bin Kunde bei einem mittelgroßen Sortiment-Bäcker, Sie bedienen mich. Ich komme dann mal rein.

Herr Brödow geht umständlich zur Tür, öffnet diese aber nicht, und geht wieder auf Nadine zu.

Nadine: Guten Morgen!

Der Lehrer zuckt zusammen, ein Raunen geht durch die Klasse. Herr Brödow hält inne.

Herr Brödow: Nadine, Sie sind aufgeregt, das macht gar nichts. Atmen Sie einmal tief durch, wir beginnen dann noch mal!

Herr Brödow geht wieder Richtung Tür, wartet, bis Nadine sich etwas lockerer hingestellt hat, und geht dann wieder zu ihr.

Herr Brödow: Guten Morgen!
Nadine: Guten Morgen, was …

Der Lehrer schlägt die Hände vors Gesicht, die Mitschülerinnen rutschen ein Stück unter ihre Pulte.

Herr Brödow: Wissen Sie, wir fangen einfach noch ein drittes Mal an. Aller guten Dinge sind ja, haha, drei. Bleiben Sie ganz ruhig und konzentrieren Sie sich. (Er ballt die Faust, eine alberne Motivierungsgeste.) Sie wollen die Bäckereifachverkäuferinnen von Berlin repräsentieren! Wir fangen einfach direkt an: Guten Morgen!

Nadine guckt unsicher zu ihren Mitschülerinnen, die abbremsende Gesten machen. Es entsteht eine peinliche Stille.

Nadine: (brummt) Morgen!

Der Lehrer atmet erleichtert durch, die Mitschülerinnen strahlen.

Herr Brödow: Ich hätte gern einen Buttercroissant, drei Schrippen und … Was ist das da? (Deutet auf imaginäre Backwaren.)
Nadine: Das sind Rosinenschnecken!

Herr Brödow fällt aus seiner Kundenrolle und wird wütend.

Herr Brödow: Also wirklich, ich gebe Ihnen hier die dritte Chance und Sie machen immer noch alles falsch. Sie da (er deutet auf Mandy): Wie lautet die korrekte Antwort?
Mandy: (steht auf) “Steht doch dran!”
Herr Brödow: Sehr richtig! Sie haben schon fast bestanden! (lächelt unangenehm; wendet sich wieder Nadine zu) Also nochmal: Was ist das da?
Nadine: (brummt) Steht doch dran!
Herr Brödow: Dann nehme ich davon zwei!
Nadine: Sonst noch was?

Der Lehrer schlägt mit dem Kopf gegen die Wand, die Mitschülerinnen seufzen.

Herr Brödow: (wütend) Nadine, wo wollen Sie denn arbeiten? Im Puff oder in der Bäckerei? Sie müssen sich schon konzentrieren! Mit so einer Lari-Fari-Einstellung kommen Sie nicht weit!
Nadine: (brüllt) Jetzt reicht’s mir aber, Sie dummes Arschloch! Sie gucken doch eh nur die ganze Zeit der Mandy auf die Titten! Ich kann das hier sehr wohl, ja? Ich hab nur keinen Bock, für so eine armselige Witzfigur hier so eine Riesenschau abzuziehen wie im Kasperletheater! Ich hab überhaupt keinen Bock mehr auf die ganze Scheiße hier!

Nadine stampft wütend zu ihrem Platz, wo sie sich mit verschränkten Armen niederlässt. Die Mitschülerinnen erheben sich und applaudieren, der Lehrer strahlt.

Herr Brödow: Glückwunsch, Sie haben mit Auszeichnung bestanden!

Kommen und gehen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. April 2008 18:19

“Eine Liebeserklärung an die Hauptstadt - BILD ist ein Berliner!”

“Tote Hose auf dem Straßenstrich”

Mit Dank an Christian M.

Die mittischen Krassen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. April 2008 16:22

Es ist immer ein schönes Gefühl, wenn man von einer Reise wiederkommt und dann “Mein Gott, ist das schön hier” denkt. So ging es mir, als ich gestern unweit unseres Wohnheims aus dem Bus stieg und von der Bochumer Stille fast erschlagen wurde. Die re:publica und Berlin waren schön und gut, aber dort leben: Nein, Danke!

Zwischen den Programmpunkten “Endlich mal wieder Ausschlafen” und “Wäsche waschen” will ich aber nun doch noch ein paar Worte über die re:publica verlieren. Und weil schon alle (interessanterweise auch Leute, die nicht vor Ort waren oder sein wollten) darüber geschrieben haben, will ich nur ein paar ungefilterte Gedankengänge niederpinnen:

  • Ich habe bei der ganzen re:publica genau fünf Minuten gefilmt, danach dachte ich mir, dass da schon genug Leute filmen, wie genug Leute andere filmende Leute beim Filmen filmen. Diese fünf Minuten hat der “Tagesspiegel” genutzt, um mich zu fotografieren.
  • Die Diskussion “Blogger vs. Journalisten” ist laut Johnny Haeusler jetzt endgültig abgeschlossen. Leider habe ich vergessen, mit welchem Ergebnis. (Wahrscheinlich mit keinem.)
  • Die mitunter gehörte Bezeichnung “Blogger-Konferenz” ist einigermaßen absurd, weil es um eine ganze Menge Themen ging und längst nicht jeder Teilnehmer auch ein Blog betrieb.
  • Die Diskussionsrunde “Musik im Netz” war in etwa so unergiebig, wie man es erwarten durfte. Zumindest war sie zu kurz, denn sie musste in dem Moment beendet werden, als Tim Renner mit Ausführungen anfing, nach denen ich ihm die Rettung der Musikindustrie im Alleingang zutrauen würde.
  • Leider habe ich zu wenig von der Diskussionsrunde über “Citizen Journalism” im Ausland mitbekommen (was ich und jeder andere aber online nachholen kann), aber was ich über “Alive In Baghdad” gehört habe, hat mich tief beeindruckt. Verglichen mit dem (Über-)Leben in Bagdad und dem Darüber-Berichten ist wohl alles, was wir in Deutschland so ins Internet stellen, pillepalle.
  • Wenn ich mich ein bisschen konzentriere, kann ich mir auch Vorträge anhören, mit denen ich inhaltlich null übereinstimme. So weiß ich wenigstens, was am anderen Ende des Spektrums vor sich geht.
  • Schöner als die vielen Vorträge und Diskussionsrunden ist es eigentlich, am Rande Leute kennen zu lernen, deren Texte man teilweise schon seit langem liest und schätzt. Bei anderen wusste ich anschließend wenigstens, warum ich ihre Texte nicht lese.
  • Den besten Namen von allen Referenten hatte sicher Bertram Gugel, dessen Nachnamen man wirklich wie “Google” ausspricht.
  • Der Kaffee (ein in diesem Blog viel zu selten gewürdigtes Thema) in der Kalkscheune war beeindruckend schlecht. Das war Konsens, aber auch der einzige echte Nachteil der Örtlichkeiten.
  • Weitaus schlechter als der Kaffee aber war das, was die “Süddeutsche Zeitung” über die re:publica geschrieben hat – garniert mit einem ca. 10 Jahre alten Symbolbild.
  • Trotz des Mottos “Die kritische Masse” frage ich mich, wie viel von dem, was auf der re:publica besprochen wurde, für Leute außerhalb des Fachpublikums, das wir nun mal irgendwie alle waren, relevant ist. Mitunter hatte ich schon das Gefühl, dass die Gegenstände von Vorträgen und Diskussionen mit dem Leben von weiten Teilen der Bevölkerung gar nichts zu tun haben.

Wenn der Moabit losgeht

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. April 2008 2:53

Hier passiert im Moment naheliegender Weise nicht viel, da ich auf der re:publica bin. Wie wir Internetheinis unsere Tage so ausklingen lassen, wenn wir mit konferieren durch sind, kann man sich hier ansehen. Vielleicht sollte man es aber besser auch bleiben lassen.

Photographic

Von Oliver Ding
Veröffentlicht: 3. April 2008 23:31

Pitchfork hat sich über die Standaufnahmen schon gewundert, die “Not in a million lovers, das neue Video der Beangrowers, so bewegt machen. Noch bewegender ist aber wieder die Stimme von Alison Galea, der möglicherweise niedlichsten anderthalb Meter von Malta, die diesen Song des demnächst erscheinenden Beangrowers-Albums mit dem gleichen Titel gewohnt veredelt.

Und jetzt alle: hach!!!1

Kurt Beck wird Kanzlerkandidat der SPD

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. April 2008 11:49

Nennen Sie mich humorlos, aber ich hasse Aprilscherze. Ich werde jeden, der sich heute daran versucht, für mindestens 15 Minuten verachten.

Das liegt unter anderem an dem Trauma, das ich erlitt, als ich vor zehn Jahren feststellte, dass es den von der Filmzeitschrift “Cinema” angekündigten Director’s Cut von James Camerons “Titanic” (inkl. Gastauftritt von Arnold Schwarzenegger als Kellner) nie geben wird. Ich stand schon fast an der Kinokasse, als ich den “Witz” bemerkte.

Aprilscherze funktionieren nach dem Prinzip “Freude plus Fallhöhe”, bzw. “Ärger plus Fallhöhe”: Man erzählt eine Geschichte, bei der sich die Zuhörer auf etwas freuen, das nie kommen wird, oder sich über etwas ärgern, das nie stattgefunden hat. Kinder oder andere logisch denkende Wesen würden das “Lügen” nennen.

Als Chuck Klosterman heute vor zwei Jahren das ewig verschobene Guns-n’-Roses-Album “Chinese Democracy” rezensierte, war das schon irgendwie witzig, aber nicht halb so gut wie die letzte Woche angekündigte (offensichtlich ernst gemeinte) PR-Aktion von Dr Pepper zum Thema.

Wenn ich mir so ansehe, wie viel Mühe sich manche Medien mit der Vorbereitung ihres Aprilscherzes gegeben haben, dann weiß ich auch, wieso diese den Rest des Jahres über so schwach sind. Bei anderen würde eine weitere Falschmeldung gar nicht auffallen.

Allerdings muss ich der Fairness halber sagen, dass es zumindest immer mal wieder ein paar sehr liebevoll durchdachte Aprilscherze gab und vermutlich auch geben wird: Das WDR-”Zeitzeichen” brachte vor vielen Jahren einen Bericht über die Einführung von Sächsisch als Unterrichtsfach in der DDR und bei Spiegel Online einestages findet sich die schöne Geschichte aus dem “Guardian” von 1977 über die Entdeckung der Inselrepublik San Serriffe. Aber wenn ich auf die reingefallen wäre, hätte ich sie vermutlich auch doof gefunden.

Being Franz Josef Wagner

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. April 2008 1:48

Liebe BVGler,

jetzt habt Ihr Euch also überraschend entschieden, heute doch nicht zu streiken. Ihr werdet also Euren Job tun, für den Ihr bezahlt werdet. Und das sollen wir jetzt als große Geste Eurer Gutmütigkeit feiern.

Einem Kind, das nicht zur Schule gehen will, gibt man Einen hinter die Löffel und bietet ihm nicht noch mehr Süßigkeiten an. Ihr geht jetzt weiter zur Schule, wollt aber noch mehr von dem Kuchen, der schon zu vielen kleinen Krumen zerfallen ist. Natürlich habt Ihr einen Teil dieser Krumen verdient, so wie jeder Mensch, der Teil unserer Gesellschaft ist, und so wie ich.

Von meinen Krumen muss ich zum Beispiel den Fahrschein bezahlen, der heute mal wieder teurer wird. In Euren U-Bahnen muss man Angst haben, selbst zu Krumen zerschlagen zu werden. Aber Ihr fahrt mich heute in meinem geliebten Berlin überall hin: ins Büro, zum Friseur und in die Kneipe. Ihr macht Euren Job, für den Ihr bezahlt werdet. Ich finde, dafür sollte man Euch auch mal danken.

Herzlichst …

Mit anderen Worten: Ich bin die nächsten Tage in Berlin.

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