Angie, they can’t say we never tried

Von Lukas Heinser, 26. April 2008 13:23

Können Sie sich die Verzweiflung vorstellen, die in Menschen vorherrschen muss, damit sie sich in ihrer Not ausgerechnet an Angela Merkel wenden? Dann ahnen Sie, was in Leuten wie Götz Alsmann, Heinrich Breloer, Till Brönner, Detlev Buck, Roger Cicero, Samy Deluxe, Helmut Dietl, DJ Ötzi, Klaus Doldinger, Bernd Eichinger, Dieter Falk, Amelie Fried, Hans W. Geißendörfer, Herbert Grönemeyer, Max Herre, Höhner, Juli, Udo Jürgens, Klaus&Klaus, Alexander Klaws, René Kollo, Mickie Krause, Joachim Król, LaFee, Udo Lindenberg, Annett Louisan, Peter Maffay, Marquess, Reinhard Mey, MIA, Michael Mittermeyer, Monrose, Oomph!, Frank Ramond, Revolverheld, Barbara Schöneberger, Atze Schröder, Til Schweiger, Scooter, Ralph Siegel, Tokio Hotel, Peter Wackel und Sönke Wortmann (um nur einige zu nennen) vorgehen muss: die haben nämlich der deutschen Bundeskanzlerin einen offenen Brief geschrieben, der gestern als ganzseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung (59.900 Euro), der FAZ (37.590 Euro) und der taz (8.064 Euro) erschienen ist.

In diesem Stoßgebet an St. Angela heißt es unter anderem:

Vor allem im Internet werden Musik, Filme oder Hörbücher millionenfach unrechtmäßig angeboten und heruntergeladen, ohne dass die Kreativen, die hinter diesen Produkten stehen, dafür eine faire Entlohnung erhalten.

Klar, auch ich würde nicht wollen, dass jemand meine Texte aus dem Blog klaut und irgendwo kostenlos anbietet … Moment, das Bild ist schief. Jedenfalls: Natürlich kann man verstehen, dass derjenige, der ein Lied schreibt, dafür genauso entlohnt werden will, wie derjenige, der einen Tisch baut. Darüber sollte auch allgemeiner Konsens herrschen. Um das Problem in den Griff zu kriegen, braucht man aber offenbar mehr als zweihundert Kreative (oder zumindest andere Kreative), denn konkrete Ideen haben die Damen und Herren Kulturschaffende nicht.

Dafür aber eine ordentliche Portion Ahnungslosigkeit und Arroganz:

Ohne Musik und Hörbücher bräuchten wir keine iPods, ohne Filme keine Flachbildfernseher, ohne Breitbandinhalte keine schnellen Internetzugänge.

Gemeint ist wohl eher so etwas wie „Ohne Musik, die über die Musikindustrie vertrieben und über die GEMA abgewickelt wird, sowie ohne Hörbücher von Autoren, die bei der VG Wort angemeldet sind, …“ – und das ist natürlich Quark, denn selbst wenn sich morgen alle Werke aller Unterzeichner und anderer Rockbeamten (Warum steht eigentlich Heinz Rudolf Kunze nicht auf der Liste?) in Luft auflösen sollten, gäbe es ja immer noch genug Musik, Filme und Texte unter Creative-Commons-Lizenz, die so eine Breitbandleitung verstopfen könnten.

Es geht aber noch dümmer:

Auf europäischer Ebene erkennen immer mehr Länder, dass die massenhafte individuelle Rechtsverfolgung im Internet nur eine Zwischenlösung sein kann und technologischer Fortschritt und der Schutz geistigen Eigentums nicht im Widerspruch zueinander stehen dürfen. Frankreich und England gehen hier mit beispielhaften Initiativen voran. Dort sind Internetprovider sowie die Musik- und Filmindustrie aufgefordert, unter staatlicher Aufsicht gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln.

Die vermeintlich leuchtenden Beispiele Frankreich und England stehen für Pläne, nach denen Internetprovider ihren Kunden den Zugang abklemmen sollen, wenn diese drei Mal urheberrechtlich geschütztes Material illegal heruntergeladen haben. Mal davon ab, dass ich die technische Durchführbarkeit dieses Unterfangens bezweifle, entstammen solche Pläne doch den selben hilflosen Hirnen, die schon kopiergeschützte CDs, das Digital Rights Management und ähnliche … äh, ja, doch: Flops hervorgebracht haben.

Tim Renner, dem ich bekanntlich die Rettung der Musikindustrie im Alleingang zutraue, schrieb schon letzte Woche zu dem Thema:

Versteht mich nicht falsch, ich finde überaus legitim, dass Künstler und Industrie verlangen, in irgendeiner weise vom Staat geschützt zu werden. Ich glaube jedoch nicht, dass dabei primär die Bestrafung, sondern die Belohnung im Vordergrund stehen sollte. Der Staat sollte hellhörig werden, wenn die Industrie durch Flatrates für Musik versucht, illegale Praxis zu legalisieren.

Während also einige echte Kreative gerade Konzepte für ein kulturelles „All you can eat“-Büffet entwickeln, stellen „rund 200 teilweise prominente Künstler“ (sensationelle Formulierung von heise.de) an höchster Stelle einen Antrag auf Hausverbot wegen Ladendiebstahls.

Noch mal: Die sollen sowas ruhig fordern. Die sollen ruhig besorgt sein, wie der kulturelle Nachwuchs in diesem Land an sein Geld für Butter, Brot und Fleischwurst kommt (wobei das ein Problem des gesamten Nachwuchses werden könnte). Aber: Ginge es nicht ’ne Nummer kleiner? Wie wäre es mit eigenen Ideen? Und vor allem: Mit weniger Arroganz?

Langfristig wird so die kulturelle und kreative Vielfalt in unserem Land abnehmen und wir verspielen eine unserer wichtigsten Zukunftsressourcen.

Da kann man ja regelrecht froh sein, dass es zu Zeiten von Goethe und Beethoven noch kein böses, böses Internet gab. Das gab es erst bei DJ Ötzi, Mickie Krause, Atze Schröder und Peter Wackel.

Mehr zum Thema bei Nerdcore, gulli.com, Netzwertig, Myoon oder Cigarettes and Coffee.

Nachtrag 20:25 Uhr: Frau Merkel hat auf den peinlichen Bettelbrief reagiert.

10 Kommentare

  1. juliaL49
    26. April 2008, 15:06

    Hehe, den letzten Satz werde ich mir ausdrucken und über den Schreibtisch hängen!

    So und jetzt gehe ich mal zu emusic lade mir (legal!) ein paar wunderschöne Songs runter!

  2. tunefish | fish du travail
    26. April 2008, 15:58

    Offener Brief deutscher Topprominenz, die uns alle retten wird…

    Was haben 2raumwohnung, Götz Alsmann, BAP, Till Brönner, Yvonne Catterfeld, Roger Cicero, Culcha Candela, Samy Deluxe, DJ Ötzi, EL*KE…

  3. Roland
    26. April 2008, 18:06

    Ach nee, DJ Ötzi hat da auch mitgemacht? Also mit 2 Promille im Schädel könnte ich ’nen Live-Act von ihm ja eventuell ertragen, aber Zeug von ihm runterladen? Oh, und Udo Jürgens. Glaubt er etwa, dass die paar 80-Jährigen Fans, die er noch haben dürfte, sich tatsächlich mit Raubkopieren „versorgen“?
    Interessant: mehr als 500 Euro haben die pro Nase investiert. Die müssen ja auch erstmal verdient sein. Ich bin beruhigt, die Mädels und Jungs stehen noch nicht vor dem Hungertod …
    Also ganz im Vertrauen: gute Mucke kaufe ich mir auch. Und zwar mit Fleiß, damit der Künstler auch was von seiner Arbeit hat. Aber vorher mal runterladen und in Ruhe komplett anhören, das gönne ich mir schon. Und dann wird halt eine ganze Menge an akustischem Müll einfach nicht gekauft.
    Die großen Verluste, die von der Musikindustrie (und den „Künstlern“) beklagt werden, sind natürlich schön gerechnet. Denn dass jeder heruntergeladene Song andernfalls gekauft würde ist doch Quatsch. Schon Früher wurden die Original-Schallplatten oder CDs von Freunden auf Kassette kopiert. Ok, Runterladen ist bequemer. Aber kaufen? Nee, Leute, so viel Geld hat das Volk auch nicht mehr in der Tasche.
    Und Angie sollte nun wirklich besseres zu tun haben, als sich um dieses Pamphlet zu kümmern.

  4. Jeeves
    27. April 2008, 11:21

    „Denn dass jeder heruntergeladene Song andernfalls gekauft würde ist doch Quatsch.“

    Das ist ein gerne vorgebrachtes Märchen.
    Als Betroffener kann ich sagen: Meine Einnahmen sind auf etwa 30% bis 50% von dem geschrumpft, was ich vor der massenhaften download-Euphorie verdiente.
    Auch die Statistiken anderer Betroffener sehen ähnlich aus.

  5. Lukas
    27. April 2008, 11:46

    @Jeeves: Um was für Einnahmen geht es? GEMA? VGL?

    Und: Sind Deine Einnahmen aus den selben Werken in den letzten zehn Jahren zurückgegangen oder verdienst Du mit neuen Werken weniger als Du früher mit alten verdient hast?

    Es wäre schön, wenn Du ein bisschen ins Detail gehen könntest, weil ich die Auswirkungen auf Künstler (gerade auf die, die nicht unter diesem Brief stehen) auch nicht unter den Tisch kehren möchte.

  6. STU
    27. April 2008, 12:15

    Puh, wenigstens mal Einer, der prinzipiell schon dafür ist, dass Musiker mit ihrer Musik Geld verdienen dürfen.
    90% der Meinungen die ich im Internet sonst so lese gehen nämlich in die Richtung „die sind doch eh alle so reich“ bzw. das heuchlerische „ich lad mir eh nur Musik runter, die ich mir niemals gekauft hätte“.
    Man kann der Musikindustrie zu Recht vorwerfen, es mangle ihr an Analysefähigkeit.
    Ihren Gegnern aber wohl auch.

  7. Coffee And TV
    27. April 2008, 15:05

    Heute ist kein Kavaliersdelikt…

    Das “Herunterladen von Computern” gefährdet die deutsche Kulturnation, sagt Angela Merkel in Ihrem gestrigen Videocast und reagiert damit auf den offenen Brief, den ihr Vertreterinnen und Vertreter der “Kreativwirtschaft” (ist …

  8. Lukas
    27. April 2008, 19:34

    @STU: Leider sitzen auf beiden Seiten der verhärteten Fronten einige komische Menschen.

    Inzwischen geht es darum, mindestens einer halben Generation von Musikhörern klar zu machen, dass Musik nicht einfach so aus dem Äther kommt und dass Musiker auch Essen und ein Dach über dem Kopf haben wollen. Die musikindustriellen Großkonzerne tun aber nichts, um diesen Hörern den Wert von Musik oder auch nur den Künstler dahinter näherzubringen.

    Legale Downloads müssten in Sachen Auswahl und Qualität den illegalen mindestens ebenbürtig sind. Die Preisdifferenz zwischen physischem Tonträger und legalem Download müsste durch tolle, aufwändige Booklets und Hüllen gerechtfertigt sein und nicht durch einzelne Blättchen im Jewelcase. Aber ich hab ja schon mal einen halben Roman dazu geschrieben …

  9. u n k e w l
    27. April 2008, 22:56

    Computer herunterladen…

    Angela Merkel sorgt sich um geprellte Künstler. Neulich schrieben Vertreter der Musikindustrie ihr einen Brief, um für strengeren Schutz der Urheberrechte zu werben. Gestern dann die Reaktion der Kanzlerin: In einer Videobotschaft erklärt sie dem Vo…

  10. ckwon
    28. April 2008, 11:23

    @Lukas: Der Kommentator Jeeves könnte ja auch einen Plattenladen führen, das geht aus seinem Kommentar nicht hervor.

    Plattenläden verkaufen wahrscheinlich wirklich weniger CDs als vor 15 jahren, was sicherlich zum einen mit Amazon und co als neue Konkurrenz, den legalen Downloadangeboten, den gesunkenen Realeinkommen, den zu hohen Preisen für CDs, der Verfügbarkeit von Internetradios für legales Musikhören etc. liegen könnte. Ob ohne illagelae Downloads die Bilanz wirklich besser wäre?

    Ein Problem, das ich auch sehe, sit, dass die beste Werbeplattform für Musik weggefallen ist.
    MTV und VIVA sind nämlich deutlich schlechter geworden (ich bekomme scheinbar seit ein paar Monaten gar kein VIVA mehr im Kabelnetz….ist mir erst vor ein paar Tagen aufgefallen, früher gab es auf beiden Sendern sogar mal Musik) und es läuft da auch deutlich weniger Musik.

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