Schaum vorm Mund
Von Lukas Heinser am Freitag, 25. April 2008 13:26
Kategorie: Digital Ist Besser, Political Science
Bis vor einigen Tagen hatte ich noch nie von Sebastian Edathy gehört, im Moment erlebt der SPD-Politiker seine fünfzehn Minuten Ruhm in der Blogosphäre, was immerhin für fünf Mal Zähneputzen reicht.
Mitunter geht dabei unter, dass Edathy eigentlich Kritik an der geplanten Videoüberwachung von Privathaushalten geäußert hatte – andererseits hat er selbst natürlich in seinem mittlerweile legendären Radio-Eins-Interview die Gelegenheit versäumt, irgendeinen Standpunkt zu vertreten.
Jetzt wird Edatyh in seinem Gästebuch und bei abgeordnetenwatch.de mit hämischen Fragen und Kommentaren überhäuft, auf die er in seiner ganz eigenen Art reagiert: er zitiert dpa-Meldungen, in denen er zitiert wird.
Ein Kommentator im Gästebuch schreibt zum Telefoninterview interruptus:
Schade, dass Sie sich diesem sehr wichtigen Thema auf diese Weise entziehen. Es hätte mich schon sehr interessiert, wie Sie sich als SPD-Abgeordneter und Vorsitzender des Innenausschusses dazu positionieren.
Und Edathy antwortet kanzelt ihn ab:
Wenn Sie sich ein wenig kundig gemacht hätten, wüssten Sie, dass ich
mich zu diesem Thema in den letzten Tagen mehrfach kritisch geäußert habe.
Bei abgeordnetenwatch.de hat er fast exakt das gleiche geantwortet.
Aber auch eine andere Geschichte ist noch nicht ausgestanden: Edathy hatte sich bei der Chefredaktion von “Zeit Online” darüber beschwert, dass eine freie Journalistin, die ihn für “Zeit Online” interviewt hatte, seine Zitate einfach für einen Text bei Telepolis (oder wie Edathy es ausdrückt: “auf der Seite heise.de – einem privatem Forum”) verbraten hatte. Über das Vorgehen der Journalistin lässt sich sicher lange diskutieren (s.a. die Stellungnahme von “Zeit Online” und die Reaktion im “Zeit Meckerblog”), Edathy aber nutzte die Situation, um sich zielsicher und an völlig falscher Stelle zum Vollhorst zu machen, wobei er die Folgen seines Auftritts in Journalismus und Blogosphäre offensichtlich unterschätzte.
Der Blogger Jochen Hoff schrieb Edathy eine reichlich unverschämte E-Mail zu dem Fall, in der er neben einer Menge übertriebener Kritik auch folgenden Absatz einbaute:
Ach ja. Genießen Sie bitte jetzt die Aufmerksamkeit. Nach einem Systemwechsel werden wir zwar eine saubere Zelle für sie finden, allerdings wird es Ihnen nach ihrem Gerichtsverfahren, dort an Aufmerksamkeit doch eher fehlen.
Staatsmänner von wahrer Größe hätten auf so einen pubertären Dünnsinn gar nicht reagiert. Doch was tat Sebastian Edathy, dem es neben Größe, Humor, Souveränität und Freundlichkeit gegenüber Wählern und Journalisten auch an Gespür dafür zu mangeln scheint, wann man redet und wann man besser schweigt?
Er antwortete:
Ihre Aussage “Genießen Sie bitte jetzt die Aufmerksamkeit. Nach einem Systemwechsel werden wir zwar eine saubere Zelle für Sie finden, allerdings wird es Ihnen nach Ihrem Gerichtsverfahren dort an Aufmerksamkeit doch eher fehlen.” reicht zwar bereits für eine Strafanzeige aus, die ich auch stellen werde, vielleicht könnten Sie Ihre Ausführungen aber noch ein wenig konkretisieren bzw. illustrieren, damit ich der Staatsanwaltschaft ggf. ergänzende Informationen übermitteln kann.
Dass sich ein Blogger derart zum Affen macht, ist die eine Sache; dass ein Politiker derart darauf anspringt, ist in meinen Augen aber noch viel schlimmer.
Freitag, 25. April 2008 15:00
Bei Typen wie Hoff muss es nicht wundern, dass Politiker sich dem Bloggen ggü. noch mehr als zurückhaltend verhalten. Der Mann ist idealtypisch für Graffs “Idiotae” aus dem legendären SZ-Artikel. Ebenso schlimm sind die Claqueure in den Kommentaren dort.
Edathys Antwort kann ich nicht “viel schlimmer” finden. Ich ziehe unverblümte Antworten dem glattgebügelten Zeug, was Du für staatsmännisch hältst, allemal vor, schätze z.B. Wiefelspütz’ Antworten bei abgeordnetenwatch sehr. Auch die Aktion, das Interview abzubrechen. Nur weil man in der Öffentlichkeit steht, muss man nicht jeden Unsinn mitmachen.
Freitag, 25. April 2008 15:07
hinzuzufügen wäre: Edathy hat einen aus Indien stammenden Vater und war in der SPD-Bundestagsfraktion Sprecher der AG Rechtsextremismus. Dass er vielleicht ein wenig heftiger reagiert als andere, wenn ihm gegenüber jemand unverhohlen eine extremistische Neigung (welcher “Färbung” auch immer) durchblicken lässt, ist vielleicht ein klein wenig nachvollziehbar.
Freitag, 25. April 2008 17:26
Ich finde Edathys Antwort relativ cool, muss ich sagen. Wo ist denn das Problem?
Freitag, 25. April 2008 17:44
Finde Edathys Reaktion auch eher nicht so dramatisch. Sicherlich nicht gerade die diplomatisch richtige Variante, aber bei der Antwort musste ich dann doch irgendwie schmunzeln. Allerdings weiß ich auch noch nicht wie das im Gesamtkontext klingt (genauso wenig wie bei Hoffs Email, die ich anhand des Ausschnitts aber wesentlich dümmer und ärgerlicher finde) Hmm, vielleicht sollte ich mir die Originaltexte mal durchlesen…
Was ich im Übrigen viel beschämender finde (so als kleine Bloggerleuchte) ist die Entwicklung, dass er auf den oben genannten Seiten angegangen wird für eine Meinung, die er überhaupt gar nicht vertritt. Da scheint sich das Gros der Leute überhaupt nicht die Mühe gemacht zu haben, mal zu schauen, um was es überhaupt geht, sondern haben nur gelesen, dass da jemand ein Interview zum Thema Datenschutz und Co. abgebrochen hat – und schon stürzt sich eine Meute auf ihn.
Da kann ich dann schon verstehen, dass er diese Leute, die sich offensichtlich nicht mal die Mühe gemacht haben, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, einfach nur mit 0815-Verweisen auf offizielle Statements abspeisen möchte.
Freitag, 25. April 2008 20:53
Ich widerspreche den Vorkommentatoren vehement.
Es erscheint mir überaus dumm zu sein, sich bei Zeit-Online darüber zu beschweren, was eine freie Journalistin bei telepolis schreibt. Des weiteren erscheint es mir an Sachkentnissfreiheit kaum überbietbar, bei heise.de von einem privaten Forum zu sprechen. Oder sollte er mit privat nicht-staatlich meinen? Egal. Das abgebrochen Telefoninterview erscheint mir dagegen schon fast entschuldbar, obwohl er mit der zugegebenrmaßen mäßig lustigen Frage hätte humorvoller und souveräner umgehen sollen.
Was aber an Peinlichkeit nicht zu überbieten zu sein scheint, ist auf den “zugespitzten” Text von Jochen Hoff – den ich persönlich ziemlich schlecht, wirklich mißglückt finde – mit einer Strafanzeigenandrohung zu reagieren.
Sehr schade, ich hatte bislang nämlich den Eindruck, dass Edhaty eine differenzierte Haltung zum Thema hat.
Sonntag, 27. April 2008 17:21
Das ich mit meiner Meinung kein Mainstream bin, weiß ich. Zumindest kein veröffentlichter Mainstream. Ich wollte eben nur mal kurz bemerken, das ich mich bei ihm in einer privaten Mail, darüber beschwert habe, das er seine persönliche Macht benutzt um Zensur auszuüben und die berufliche Karriere einer Journalistin zu beenden. Das euch das nicht stört, ist in Ordnung.
Selbstverständlich will ich einen Systemwechsel, schlimmer noch, einen nach rückwärts. Sagen wir mal 1980, oder meintetwegen auch 1965, ich bin da flexibel.
Nach einem Systemwechsel müssen Leute für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Habern wir nach 1945 und nach 1989 aus guten Gründen auch getan.
Edathy bedrohte mich mit dem Staatsanwalt. Ich lies ihm vier Tage Zeit diese Drohung rückgängig zu machen. Ich veröffentlichte.
Es ist übrigens nicht jede Meinung die ander äußern dumm. Manchmal sind es auch die halbinformierten Leser.
Mein Thema war nicht Edathys Verstrickung oder Nichtverstrickung in die Videoüberwachung von Haushalten.
Witzig finde ich das Lukas genau meinen Satz von der kurzfristigen Berühmtheit an den Anfang seines Artikels stellt, wo er bei mir auch stand.
Also Jungs erst lesen, dann meckern. Ach ja, seine Wortwahl stört mich auch nicht. Der weiß das er sich verrannt hat, weiß aber nicht wie er da wieder rauskommen könnte.
Ein deutscher Politiker kann keine Fehler zugeben.
Sonntag, 27. April 2008 18:01
Die Behauptung, Herr Edathy habe mit seinem Fax an “Zeit Online” die “berufliche Karriere einer Journalistin” beendet, halte ich für etwas gewagt.
Edathy hat sich unbestreitbar auf peinlichste Weise zum Affen gemacht, aber muss man ihm deshalb Sätze wie diesen hier e-mailen?
Herr Hoff, es ist Ihnen unbenommen, sich als Rächer der Witwen und Waisen zu inszenieren und das mit markigen Worten zu unterstreichen, für die Sie aus manchen Ecken auch noch Applaus und Unterstützung ernten. In meinen Augen begeben Sie sich damit aber maximal auf das gleiche Niveau wie Sebastian “Was soll’n der Scheiß?” Edathy. Ihr Fall zeigt, dass Blogger bei Politikern und Journalisten nicht immer zu Unrecht so einen schlechten Ruf haben.
Sonntag, 27. April 2008 18:40
Mit einem Staatsanwalt “droht” man nicht, Herr Hoff. Ein Staatsanwalt ist keine Waffe. Wenn Sie sich von einem Staatsanwalt bedroht fühlen, dann entweder weil Sie wissen, dass Sie im Unrecht sind, oder weil Sie abstruseste Vorstellungen vom bundesrepublikanischen Rechtssystem haben – wundern würde mich beides nicht.
Ein Systemwechsel zurück nach 1980. Heißt das, dass in zwei Jahren wieder ein Pfälzer regiert? Fände ich persönlich prima. Vielleicht mit Herrn Edathy als Innenminister.
Der Satz, den Lukas um 18:01 zitierte spricht auch Bände. Herr Struck kann gegen Herrn Edathy absolut gar nichts ausrichten, selbst wenn jener plötzlich für alle Gesetzentwürfe der Linkspartei stimmen würde. So viel zu halbinformierten Lesern.
Sonntag, 27. April 2008 18:43
Jetzt ist aber langsam mal gut mit den ekligen Sachen hier, ja? ;-)
Sonntag, 27. April 2008 19:10
@ Lukas
Zumindest wird sie bei der Zeit und ähnlichen Blättern nicht mehr beschäftigt. Herr Edathy hat genau einmal die Chance sich gegen Herrn Struck zu stellen, das ist er sein Mandat los. Im Gegensatz zu Ihnen erinnere ich mich noch an die Abgeordnete die ihrem Gewissen folgen wollte, und weinend zusammenbrach und auf ihr Mandat verzichtete.
Im Gegensatz zu anderen rede ich Klartext, versuch nicht mit verschwurmelten, vagen Andeutungen und Aussagen mit Null Inhalt zu jedermans Liebling zu machen.
Der Unterschied ist einfach, Ich will etwas bewegen, Sie hoffen das sich nichts bewegt, sondern alles so bleibt wie es ist.
Das wird es aber nicht.Beim letzten Systemwechsel, wurden einfach die Stellschrauben überdreht. Sie sind wirkungslos geworden.
Sehr viele Leute aus Wirtschaft, Politik und auch den Medien wissen das. Einige sprechen es an andere. Andere hoffen, das die Wolken weggehen. Ich wünschte mir ehrlich, dass diese Hoffnung trägt, aber sie tut es nicht. Wir müssten jeden einzelnen Politiker an seine Arbeit treten um unsere Chancen noch wahrnehmen zu können. Samthandschuhe können sie vergessen.
Aber ich will Sie nicht langweilen. Öl, Finanzkrise, Hunger sind keine Themen. Wichtig ist das wir es uns schön gemütlich machen.
Träumen sie schön weiter. Wir regeln das dann schon.
@kandelaber
Ein Innenpolitiker hat durchaus Macht mit einem Staatsanwalt recht interessante Dinge zu tun. Wir hatten da schon ein paar Beispiele. Nicht wichtig für Sie, es ging da nur um ein paar Linke.
Ach übrigens. Im Verhältnis zu heute waren Kohls Anfangszeiten gerade zu absolut demokratisch und die Quote an richtigen Entscheidungen lag um ein vielfaches über der heutigen.
Viel wichtiger aber ist, das es zu dieser Zeit noch einen Wettbewerbsprozess in der Politik gab, während die sich heute nicht einmal mehr Mühe für Scheinkämpfe geben.
Denn wenn Sie mal wenige Minuten ganz ehrlich zu sich selbst sind, dann können sie die Entscheidungen die fallen, doch schon mit 98 prozentiger Sicherheit voraussagen.
Mir sagte vor kurzem ein viel klügerer Mensch als ich, dass ich mich in einem Punkt irre. “Die Politiker muss man gar nicht mehr kaufen, die sind das Gehorchen schon so gewohnt.
Aber ich will Sie hier in Ihrem Dornröschenschloß nicht weiter belästigen. Träumen sie schön.
Sonntag, 27. April 2008 19:18
Es wäre mir ein Quell unendlicher Freude, wenn Sie diese Ankündigung wahr- und die Tür von außen zumachten.
Sonntag, 27. April 2008 20:17
Ich würde Sie gerne beim Wort nehmen, was unverschwurmelten “Klartext” betrifft, habe aber keine Lust mehr. Sie können schließlich 98% aller Entscheidungen vorhersehen. Herr Hoff, Sie sind einfach ein Fuchs.