Beiträge vom April, 2008

Ein schöner Rücken kann auch ein Skandal sein

Von Lukas Heinser am Dienstag, 29. April 2008 16:58
Kategorie: Digital Ist Besser, Social Distortion

“Sag mir, wer Miley Cyrus ist!”, gehörte bis vorgestern nicht zu den Fragen, die ich sofort hätte beantworten können, wenn man mich um halb sechs morgens wachgeschüttelt hätte. Ich bin einfach zu alt, um “Hannah Montana”, die überaus erfolgreiche TV-Serie vom Disney Channel, je gesehen zu haben. Heute weiß ich natürlich, wer Miley Cyrus ist, und Sie alle werden es auch wissen: sie ist die Hauptperson des neuesten “Nacktskandals” in den USA.

Miley Cyrus (Symbolbild)Was war diesmal geschehen? Annie Leibovitz, die vermutlich bekannteste und renommierteste lebende Fotografin der Welt, hatte die 15jährige Ms. Cyrus für “Vanity Fair” fotografiert – “oben ohne”, wie die Agenturen vermelden, oder anatomisch korrekt: mit entblößtem Rücken. Das Foto dürfte maximal ausreichen, bei Männern Beschützerinstinkte zu wecken und dem Kind die eigene Jacke umzulegen, aber es entfachte einen “Skandal”, der zumindest in diesem Monat seinesgleichen sucht.

Denn kaum war das Foto im Werbespot für die Juni-Ausgabe von “Vanity Fair” über die amerikanischen Bildschirme geflimmert, empörten sich die ersten Eltern in Internetforen und Blogs:

It’s time that parents really start thinking seriously about the Sexualization of Children, and how marketers are targeting very young children, causing young girls and boys to grow up way too fast. The only way marketers are going to be forced to stop sexualizing children is when parents finally stand up and say, “We’re not going to take it anymore!”, and boycott stores that market this sort of smut to kids.

Für Disney, wo man mit Miley Cyrus/Hannah Montana unfassbar viel Geld verdient, war schnell klar, dass man reagieren musste. Man entschied sich deshalb zum Angriff auf “Vanity Fair” und Annie Leibovitz:

A Disney spokeswoman, Patti McTeague, faulted Vanity Fair for the photo. “Unfortunately, as the article suggests, a situation was created to deliberately manipulate a 15-year-old in order to sell magazines,” she said.

[New York Times]

Und Miley Cyrus, deren Eltern1 beim Fotoshoot anwesend waren, fühlte sich plötzlich verraten und bereute alles:

“I took part in a photo shoot that was supposed to be ‘artistic’ and now, seeing the photographs and reading the story, I feel so embarrassed. I never intended for any of this to happen and I apologize to my fans who I care so deeply about.”

[ebenda]

Man hätte ahnen können, dass zumindest ein Teil der amerikanischen Elternschaft den Weltuntergang heraufziehen sieht, wenn ein Vorbild2 ihrer Kinder plötzlich mit rotbemaltem Mund und bloßem Rücken zu sehen ist. Insofern hat Jac Chebatoris nicht Unrecht, wenn er im Internetauftritt von “Newsweek” schreibt:

But her parents attended and monitored the shoot. And Miley herself is by now well steeped in the maneuverings of celebrity. Witting or unwitting, she should have known better. And she plainly did not see the backlash coming until too late.

Schon letzte Woche hatte es einen mittelschweren “Skandal” gegeben, als im Internet private Fotos auftauchten, auf denen Miley Cyrus ihren BH und ihren nackten Bauch zeigt. (Hinweis, 6. August 2008: Diese Behauptung ist offenbar völliger Unfug: In der “Huffington Post” war von einem “Cyrus look-alike” die Rede. Vielen Dank an Jen für den Hinweis.) Wie schon im vergangenen Jahr bei Vanessa Hudgens (Star des anderen großen Disney franchise “High School Musical”) taten sich alsbald zwei Lager auf: der Pietcong, der Image und Karriere sofort ruiniert sah, und das Blogger- und Kommentatorenpack, das angesichts von Teenagern, die auf privaten Fotos ihre Unterwäsche zeigen, sofort von Pornokarrieren zu sabbern beginnt.

Beide Seiten verkennen: In Zeiten von Digitalkameras sind Teenager, die sich und ihren Körper fotografieren, ungefähr so alltäglich wie Katzenbilder. Sind diese Teenager dann auch noch prominent, ist die Chance, dass die Bilder binnen Wochenfrist im Internet landen, immens hoch. Vermutlich wird man zukünftig keinen einzigen Teenie-Star finden, von dem es keine solchen Bilder gibt. Dieser Tatsache müssen Eltern genauso ins Auge blicken wie der Tatsache, dass ihre eigenen Kinder dem vermutlich in nichts nachstehen werden.3

Natürlich ist die ganze Geschichte von so immensem Nachrichtenwert, dass sie auch im deutschen Onlinejournalismus ausführlich gewürdigt werden muss. Und zwar in der Netzeitung, bei bild.de, stern.de, welt.de, n-tv.de, “Spiegel Online” und im News-Ticker von sueddeutsche.de.

Und bevor Sie sich jetzt wieder über die “prüden Amis” auslassen: der nächste “Naziskandal” kommt bestimmt!

  1. Ihr Vater Billy Ray Cyrus ist als Countryrocker durchaus Showbiz-erfahren. []
  2. Und genau das dürfte dieses komische Miley/Hannah-Konstrukt für viele sein. []
  3. Gucken Sie jetzt bitte nicht auf dem Computer Ihres Kindes nach. []

Spaß mit Vögeln

Von Lukas Heinser am Dienstag, 29. April 2008 0:28
Kategorie: Digital Ist Besser, My Shared Folder

Seit der letzten Woche redet mein Bruder nicht mehr mit mir. Stattdessen lässt er Textbotschaften von einem animierten Vogel vorlesen.

Der Talking Spring Bird ist eines dieser Internetphänomene, die man nie vermisst hätte und für deren Existenz es keine brauchbare Begründung gibt, mit denen man aber unendlich viel Zeit verplempern kann. Zumindest mir geht es so.

Heute ist kein Kavaliersdelikt

Von Lukas Heinser am Sonntag, 27. April 2008 15:05
Kategorie: Digital Ist Besser, My Shared Folder

Das “Herunterladen von Computern” gefährdet die deutsche Kulturnation, sagt Angela Merkel in Ihrem gestrigen Videocast und reagiert damit auf den offenen Brief, den ihr Vertreterinnen und Vertreter der “Kreativwirtschaft” (ist bei solch peinlichen Spektakeln nie weit weg: Prof. Dieter Gorny) geschrieben haben.

Bevor Merkel und Gorny meine eigene Kreativität gefährden, habe ich Merkels Ansprache deshalb kurz in den Mixer gepackt. Und das kam dabei heraus: Quatsch mit Sauce.

[Direktlink]

Angie, they can’t say we never tried

Von Lukas Heinser am Samstag, 26. April 2008 13:23
Kategorie: Digital Ist Besser, Social Distortion

Können Sie sich die Verzweiflung vorstellen, die in Menschen vorherrschen muss, damit sie sich in ihrer Not ausgerechnet an Angela Merkel wenden? Dann ahnen Sie, was in Leuten wie Götz Alsmann, Heinrich Breloer, Till Brönner, Detlev Buck, Roger Cicero, Samy Deluxe, Helmut Dietl, DJ Ötzi, Klaus Doldinger, Bernd Eichinger, Dieter Falk, Amelie Fried, Hans W. Geißendörfer, Herbert Grönemeyer, Max Herre, Höhner, Juli, Udo Jürgens, Klaus&Klaus, Alexander Klaws, René Kollo, Mickie Krause, Joachim Król, LaFee, Udo Lindenberg, Annett Louisan, Peter Maffay, Marquess, Reinhard Mey, MIA, Michael Mittermeyer, Monrose, Oomph!, Frank Ramond, Revolverheld, Barbara Schöneberger, Atze Schröder, Til Schweiger, Scooter, Ralph Siegel, Tokio Hotel, Peter Wackel und Sönke Wortmann (um nur einige zu nennen) vorgehen muss: die haben nämlich der deutschen Bundeskanzlerin einen offenen Brief geschrieben, der gestern als ganzseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung (59.900 Euro), der FAZ (37.590 Euro) und der taz (8.064 Euro) erschienen ist.

In diesem Stoßgebet an St. Angela heißt es unter anderem:

Vor allem im Internet werden Musik, Filme oder Hörbücher millionenfach unrechtmäßig angeboten und heruntergeladen, ohne dass die Kreativen, die hinter diesen Produkten stehen, dafür eine faire Entlohnung erhalten.

Klar, auch ich würde nicht wollen, dass jemand meine Texte aus dem Blog klaut und irgendwo kostenlos anbietet … Moment, das Bild ist schief. Jedenfalls: Natürlich kann man verstehen, dass derjenige, der ein Lied schreibt, dafür genauso entlohnt werden will, wie derjenige, der einen Tisch baut. Darüber sollte auch allgemeiner Konsens herrschen. Um das Problem in den Griff zu kriegen, braucht man aber offenbar mehr als zweihundert Kreative (oder zumindest andere Kreative), denn konkrete Ideen haben die Damen und Herren Kulturschaffende nicht.

Dafür aber eine ordentliche Portion Ahnungslosigkeit und Arroganz:

Ohne Musik und Hörbücher bräuchten wir keine iPods, ohne Filme keine Flachbildfernseher, ohne Breitbandinhalte keine schnellen Internetzugänge.

Gemeint ist wohl eher so etwas wie “Ohne Musik, die über die Musikindustrie vertrieben und über die GEMA abgewickelt wird, sowie ohne Hörbücher von Autoren, die bei der VG Wort angemeldet sind, …” – und das ist natürlich Quark, denn selbst wenn sich morgen alle Werke aller Unterzeichner und anderer Rockbeamten (Warum steht eigentlich Heinz Rudolf Kunze nicht auf der Liste?) in Luft auflösen sollten, gäbe es ja immer noch genug Musik, Filme und Texte unter Creative-Commons-Lizenz, die so eine Breitbandleitung verstopfen könnten.

Es geht aber noch dümmer:

Auf europäischer Ebene erkennen immer mehr Länder, dass die massenhafte individuelle Rechtsverfolgung im Internet nur eine Zwischenlösung sein kann und technologischer Fortschritt und der Schutz geistigen Eigentums nicht im Widerspruch zueinander stehen dürfen. Frankreich und England gehen hier mit beispielhaften Initiativen voran. Dort sind Internetprovider sowie die Musik- und Filmindustrie aufgefordert, unter staatlicher Aufsicht gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln.

Die vermeintlich leuchtenden Beispiele Frankreich und England stehen für Pläne, nach denen Internetprovider ihren Kunden den Zugang abklemmen sollen, wenn diese drei Mal urheberrechtlich geschütztes Material illegal heruntergeladen haben. Mal davon ab, dass ich die technische Durchführbarkeit dieses Unterfangens bezweifle, entstammen solche Pläne doch den selben hilflosen Hirnen, die schon kopiergeschützte CDs, das Digital Rights Management und ähnliche … äh, ja, doch: Flops hervorgebracht haben.

Tim Renner, dem ich bekanntlich die Rettung der Musikindustrie im Alleingang zutraue, schrieb schon letzte Woche zu dem Thema:

Versteht mich nicht falsch, ich finde überaus legitim, dass Künstler und Industrie verlangen, in irgendeiner weise vom Staat geschützt zu werden. Ich glaube jedoch nicht, dass dabei primär die Bestrafung, sondern die Belohnung im Vordergrund stehen sollte. Der Staat sollte hellhörig werden, wenn die Industrie durch Flatrates für Musik versucht, illegale Praxis zu legalisieren.

Während also einige echte Kreative gerade Konzepte für ein kulturelles “All you can eat”-Büffet entwickeln, stellen “rund 200 teilweise prominente Künstler” (sensationelle Formulierung von heise.de) an höchster Stelle einen Antrag auf Hausverbot wegen Ladendiebstahls.

Noch mal: Die sollen sowas ruhig fordern. Die sollen ruhig besorgt sein, wie der kulturelle Nachwuchs in diesem Land an sein Geld für Butter, Brot und Fleischwurst kommt (wobei das ein Problem des gesamten Nachwuchses werden könnte). Aber: Ginge es nicht ‘ne Nummer kleiner? Wie wäre es mit eigenen Ideen? Und vor allem: Mit weniger Arroganz?

Langfristig wird so die kulturelle und kreative Vielfalt in unserem Land abnehmen und wir verspielen eine unserer wichtigsten Zukunftsressourcen.

Da kann man ja regelrecht froh sein, dass es zu Zeiten von Goethe und Beethoven noch kein böses, böses Internet gab. Das gab es erst bei DJ Ötzi, Mickie Krause, Atze Schröder und Peter Wackel.

Mehr zum Thema bei Nerdcore, gulli.com, Netzwertig, Myoon oder Cigarettes and Coffee.

Nachtrag 20:25 Uhr: Frau Merkel hat auf den peinlichen Bettelbrief reagiert.

Schaum vorm Mund

Von Lukas Heinser am Freitag, 25. April 2008 13:26
Kategorie: Digital Ist Besser, Political Science

Bis vor einigen Tagen hatte ich noch nie von Sebastian Edathy gehört, im Moment erlebt der SPD-Politiker seine fünfzehn Minuten Ruhm in der Blogosphäre, was immerhin für fünf Mal Zähneputzen reicht.

Mitunter geht dabei unter, dass Edathy eigentlich Kritik an der geplanten Videoüberwachung von Privathaushalten geäußert hatte – andererseits hat er selbst natürlich in seinem mittlerweile legendären Radio-Eins-Interview die Gelegenheit versäumt, irgendeinen Standpunkt zu vertreten.

Jetzt wird Edatyh in seinem Gästebuch und bei abgeordnetenwatch.de mit hämischen Fragen und Kommentaren überhäuft, auf die er in seiner ganz eigenen Art reagiert: er zitiert dpa-Meldungen, in denen er zitiert wird.

Ein Kommentator im Gästebuch schreibt zum Telefoninterview interruptus:

Schade, dass Sie sich diesem sehr wichtigen Thema auf diese Weise entziehen. Es hätte mich schon sehr interessiert, wie Sie sich als SPD-Abgeordneter und Vorsitzender des Innenausschusses dazu positionieren.

Und Edathy antwortet kanzelt ihn ab:

Wenn Sie sich ein wenig kundig gemacht hätten, wüssten Sie, dass ich
mich zu diesem Thema in den letzten Tagen mehrfach kritisch geäußert habe.

Bei abgeordnetenwatch.de hat er fast exakt das gleiche geantwortet.

Aber auch eine andere Geschichte ist noch nicht ausgestanden: Edathy hatte sich bei der Chefredaktion von “Zeit Online” darüber beschwert, dass eine freie Journalistin, die ihn für “Zeit Online” interviewt hatte, seine Zitate einfach für einen Text bei Telepolis (oder wie Edathy es ausdrückt: “auf der Seite heise.de – einem privatem Forum”) verbraten hatte. Über das Vorgehen der Journalistin lässt sich sicher lange diskutieren (s.a. die Stellungnahme von “Zeit Online” und die Reaktion im “Zeit Meckerblog”), Edathy aber nutzte die Situation, um sich zielsicher und an völlig falscher Stelle zum Vollhorst zu machen, wobei er die Folgen seines Auftritts in Journalismus und Blogosphäre offensichtlich unterschätzte.

Der Blogger Jochen Hoff schrieb Edathy eine reichlich unverschämte E-Mail zu dem Fall, in der er neben einer Menge übertriebener Kritik auch folgenden Absatz einbaute:

Ach ja. Genießen Sie bitte jetzt die Aufmerksamkeit. Nach einem Systemwechsel werden wir zwar eine saubere Zelle für sie finden, allerdings wird es Ihnen nach ihrem Gerichtsverfahren, dort an Aufmerksamkeit doch eher fehlen.

Staatsmänner von wahrer Größe hätten auf so einen pubertären Dünnsinn gar nicht reagiert. Doch was tat Sebastian Edathy, dem es neben Größe, Humor, Souveränität und Freundlichkeit gegenüber Wählern und Journalisten auch an Gespür dafür zu mangeln scheint, wann man redet und wann man besser schweigt?

Er antwortete:

Ihre Aussage “Genießen Sie bitte jetzt die Aufmerksamkeit. Nach einem Systemwechsel werden wir zwar eine saubere Zelle für Sie finden, allerdings wird es Ihnen nach Ihrem Gerichtsverfahren dort an Aufmerksamkeit doch eher fehlen.” reicht zwar bereits für eine Strafanzeige aus, die ich auch stellen werde, vielleicht könnten Sie Ihre Ausführungen aber noch ein wenig konkretisieren bzw. illustrieren, damit ich der Staatsanwaltschaft ggf. ergänzende Informationen übermitteln kann.

Dass sich ein Blogger derart zum Affen macht, ist die eine Sache; dass ein Politiker derart darauf anspringt, ist in meinen Augen aber noch viel schlimmer.

Der Schatz im Silberwald

Von Kathrin Grannemann am Donnerstag, 24. April 2008 11:26
Kategorie: TV On The Radio

Köln-Bocklemünd an einem Dienstagmittag. Vor einer Halle auf dem Studiogelände des WDR steht Wolfgang Völz umringt von einigen Damen, unterhält sich angeregt und in seiner gewohnt gemütlichen Art. Ihn scheint die Situation fast schon etwas zu langweilen, ich harre der Dinge, die da kommen werden.

Kurzfristig war der Vor-Ort-Termin angekündigt, und trotzdem sind die Journalisten in ansehnlicher Zahl gekommen. Alle waren sie heiß darauf, über ein neues Musical zu erfahren, das Walter Moers dem WDR angeboten hat. “Die drei Bärchen und der blöde Wolf” soll es heißen. Wie das ganze aussehen soll, davon können sich die Pressevertreter heute ein eigenes Bild machen.

Vor dem offiziellen Beginn des Termins hole ich mir noch schnell einen Kaffee. Komme ins Gespräch mit einem Redakteur von “Neues Deutschland” und seiner Tochter. Kurze Zeit später stößt Wolfgang Völz dazu. “Kind, spielst du ein Instrument? Ich habe ja Mandoline gespielt. Weißt du, was eine Mandoline ist?” Nein, weiß das Kind nicht, und Völz legt an, zu erklären, was für Geräusche eine Mandoline von sich gibt. Kurze Zeit später verschwindet er, um sich ein Bier zu genehmigen. Und um diese Tatsache hinterher mit dem Satz “Ich saufe mich zum Blaubär” zu vervollständigen.

Wolfgang Völz

Das Kernziel des Termins: Kulissen begucken und über das Musical sprechen. Erste Feststellung: es ist ein typischer Moers. Aber nicht nur in Sachen Story, sondern auch was die Figuren und die Musik angeht. So hat Moers zusammen mit Thomas Pigor (federführend bei “Der Bonker”) die vier Musical-Songs erarbeitet, und regelmäßig bekam Moers Fotos der Puppen und der Kulissen übermittelt, um sie abzusegnen.

Die Kulisse selbst wurde extra für das 45-Minuten-Stück entworfen. Nichts ist zu sehen vom Blaubärschen Kutter oder dem Zimmer der Bärchen. Anstatt dessen füllen eine Waldhütte, ein umfangreiches Wohnzimmer und ein großer Märchenwald (im Stück “Silberwald” betitelt) die Produktionshalle.

Zur Storyline: Im ruhigen Silberwald stören drei Bärchen im Tokio Hotel-Style die Idylle. Besonders der im Wald ansässige blöde Wolf (Hein Blöd) fühlt sich vom Lärm gestört, versagt aber an seiner eigenen Doofheit. Da kommt die gute blaue Fee (in Form von Käpt’n Blaubär) in einem himmelblauen Straßenkreuzer um die Ecke, um ihm gute Ratschläge zu geben und drei Wünsche zu erfüllen.

Wie die Story weitergeht, erfahren wie an dieser Stelle nicht, aber in echter Blaubär-Manier dürfte es eine anständige Geschichte werden. Aber auch in Moers-Manier. Wer seine Zamonien- Romane kennt, der weiß von den Fähigkeiten des Autors, wenn es um die dezidierte Beschreibung seiner Phantasiewelten geht. In den Kulissen wird besonders deutlich, dass die Zusammenarbeit zwischen Produktion und Autor geklappt hat: Moers’ Szenenbeschreibungen werden in Holz und Pappmaché lebendig. Es fühlt sich sehr beeindruckend an, als ich mit einer kleinen Gruppe einen Abstecher in die Silberwald- Kulisse machen. Sogar das Gras des Waldfußbodens ist echt, inklusive Waldgeruch. “Wir hoffen, dass diese tolle Waldkulisse nach den Aufnahmen nicht verschrottet wird. Es wäre schade darum.”

Die drei Bärchen als Tokio Hotel

Der WDR sieht das Musical als “Stück für die ganze Familie”. Die Story für Kinder, kleine Details wie Wortspiele als Bonbon für die Erwachsenen.

Während des Ortstermins ist natürlich auch Völz wieder mit von der Partie und setzt sich mit in die Kulisse. “Dieses Schwein ist übrigens meinem Bruder nachempfunden”, witzelt er. Natürlich wissen alle, dass er das nicht so meint.

Wolfgang Völz mit der guten Fee

Ausgestrahlt werden soll das nach wie vor in der Produktion befindliche Musical übrigens im Oktober in der ARD und dem KiKa. Der kurze Vorgeschmack, der der Pressemeute vor Ort gezeigt wurde, macht Lust auf mehr.

Im Bad mit Sebastian Edathy

Von Lukas Heinser am Dienstag, 22. April 2008 16:56
Kategorie: Political Science, Social Distortion

Gäbe es einen Preis für den unsouveränsten Politiker, er ginge in diesem noch jungen Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit an Sebastian Edathy. Gäbe es im deutschen Fernsehen echte Satiresendungen und nicht nur den “Scheibenwischer” und das Dekolletee von Angela Merkel, müsste man sich auf Monate voller Zahnputz-Witze einstellen.

Was war passiert? Edathy, SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzender des Innenausschusses, wurde von den Moderatoren des Berliner Senders Radio 1 zum geplanten BKA-Gesetz befragt – oder besser: sollte befragt werden, denn sonderlich lang lief das Interview nicht, wie man bei Radio 1 nachhören kann:

[Das Gespräch wurde von zwei Moderatoren geführt, die ich aber stimmlich nicht auseinander halten kann. Für den Inhalt ist das auch unerheblich.]

Moderator: Morgen Herr Edathy!
Edathy: Morgen, grüß Sie!
Moderator: Guten Morgen! Wenn Sie sich morgens die Zähne putzen, sind Sie eigentlich nackt oder haben Sie Unterwäsche an?
Edathy: Ich, äh … Wieso?
Moderator: Die Frage ist Ihnen unangenehm oder warum?
Edathy: Ja, ich weiß nicht, was das mit der Sache zu tun hat, mit Verlaub, Herr …
Moderator: Ja, Sie machen das ja gemeinhin wahrscheinlich …
Edathy: Also, was solln der Scheiß? Entschuldigung, Wiederhören …
*klick*

Zugegeben: Keine Frage, die man unbedingt im Radio beantworten möchte, aber eine, die das diffuse Thema BKA-Gesetz in den konkreten Alltag der Menschen und Politiker runterbrechen kann, immerhin geht es in dem Gesetz um “geheimes Fotografieren, Filmen und Abhören, auch in Wohnungen”.

Folgende Antworten hätte ich an seiner Stelle für denkbar gehalten:

  • Die schlichte: “Darüber spreche ich nicht.”
  • Die schlicht-ranschmeißerische: “Das geht Sie nichts an, aber ich höre im Bad Radio 1.”
  • Die ausweichende: “Ich putze mir meine Zähne morgens nicht.”
  • Die verständnisvolle: “Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, deshalb putze ich mir im Dunkeln die Zähne.”
  • Die staatstragende: “Wo denken Sie hin? Ich bin Vorsitzender des Innenausschusses – im Anzug, natürlich!”
  • Die größenwahnsinnige: “Ich bin nackt, weil ich meinen gestählten Körper und mein mächtiges Glied im Spiegel sehen will.”

Herr Edathy aber, der sowieso ein Problem mit Journalisten zu haben scheint, sagte zu einer Zeit, zu der Kindergartenkinder mit ihren Eltern am Frühstückstisch sitzen könnten, “Scheiß” und legte auf.

Als er in seinem Gästebuch darauf angesprochen wurde, dass er das Interview nach der Eingangsfrage abgebrochen habe, antwortete Edathy zunächst, man habe ihm ja zwei Fragen gestellt (die nach dem Zähneputzen und die, ob ihm die erste unangenehm sei) und fügt hinzu:

Ich finde in der Tat, dass man sich als Interviewpartner nicht jede Frechheit bieten lassen muss und dass es diesbezüglich Grenzen gibt. Die waren in diesem Fall überschritten.

Das passt sehr schön zum übersetzen BKA-Gesetz, in dem es unter anderem heißt:

Das Bundeskriminalamt soll im Einzelnen die folgenden Mittel anwenden dürfen:

[...]

2. Personen befragen (diese sind verpflichtet, Auskunft zu geben)

Nun ist es mir wirklich egal, wann, wie und wo sich Herr Edathy die Zähne putzt. Ich würde mir als Wähler nur wünschen, das wäre seine einzige Tagesbeschäftigung.

Mehr dazu im redblog, bei Netzpolitik.org, Massenpublikum.de und Indiskretion Ehrensache.

Kulturhauptstadt 2008 (2)

Von Lukas Heinser am Dienstag, 22. April 2008 14:29
Kategorie: Living In A Magazine, This Is My Hollywood

“Einplalfo” schlägt mir die T9-Funktion meines Mobiltelefons jedes Mal vor, wenn ich “Dinslaken” schreiben will (danach kommt “Einplalfn” und erst dann der richtige Ortsname). Es ist sehr alt und kennt noch nicht die Kulturmetropole am Niederrhein, aus der heutzutage jeder zweite Nachwuchskünstler kommt.

Die neuesten Meldungen stammen vom König des Popschlagers, Michael Wendler, dessen sechs Jahre alte Privatinsolvenz die “Bild”-Zeitung letzte Woche passend zum Charteinstieg “enthüllt” hat (Teil 1, Teil 2, Teil 3 und gestern endlich das Interview), und gestern dann die Weltpremiere des Films “Lauf um Dein Leben”, der zu weiten Teilen in der Stadt gedreht wurde.

Letzterem Ereignis verdanken wir auch diese wunderbare Bildergalerie bei “RP Online”, die eine der wohl schmucklosesten Filmpremieren westlich von Kasachstan zeigen dürfte – ich sag nur “Der Haushaltswaren-Discounter”.

[Dieser Eintrag ist eine Fortsetzung von "Kulturhauptstadt 2008"]

Zehnschmerzen

Von Lukas Heinser am Montag, 21. April 2008 10:10
Kategorie: TV On The Radio

Eines Tages wird es Quizshow-Kulissen ohne spiegelnde Fußböden und blaue Beleuchtung geben. Heute jedoch nicht, denn bei “Power Of Ten”, dem Versuch von Vox, nach vielen Jahren mal wieder eine Quizshow im Programm zu etablieren, sieht das Studio aus wie immer. Würde da nicht Dirk Bach im Kommunionsanzug durch die Deko kugeln, könnte die Sendung auch eines der gefühlt einhundert Ratespiele in einem der dritten Programme sein.

Wissen müssen die Kandidaten nichts, wie beim guten, alten “Familienduell” müssen sie Ergebnisse von Umfragen schätzen. Allerdings geht es nicht um die Top-Antwort, welches Wort auf “-ball” endet, sondern beispielsweise um den Prozentsatz der Deutschen, die ihren aktuellen Ehepartner noch einmal heiraten würden. Würde Bach das Prozedere nicht umständlichst erklären und würde das On-Screen-Design die Auflösung nicht bis zum völligen Spannungsabfall verzögern, so wüsste der Zuschauer bald, dass die repräsentative Forsa-Umfrage “88%” ergeben hat.

Auch vermeintlich provokante Fragen wie die, ob Menschen mit einem HIV-Positiven das Schwimmbad teilen würden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei “Power Of Ten” vieles nicht zusammenpasst: das unaufgeregte Konzept und der hibbelige Dickie Bach nicht, der Aufwand und der Erkenntnisgewinn ebenso wenig. Die Sendung, deren Idee Vox aus den USA gekauft hat, dürfte für den Sender ähnlich erfolgreich werden, wie die erste Folge für die Kandidatin: sie geht mit 100 Euro nach Hause.

Power Of Ten
ab 21. April 2008
22:10 Uhr auf Vox

Listenpanik 03/08

Von Lukas Heinser am Sonntag, 20. April 2008 17:17
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Das hat ja lange genug gedauert: Bevor es Mai wird und ich zwei Listen in Rückstand gerate, habe ich einfach ein bisschen gewürfelt, was im März in den Top-Five-Listen landen soll. Die Ergebnisse sind wie immer streng subjektiv und werden schon morgen wieder bereut. Trotzdem viel Spaß damit!

Alben
1. Lightspeed Champion – Falling Off The Lavender Bridge
Auf der Liste der unwahrscheinlichsten Acts recht weit vorne: ein Brite, der früher bei den Test Icicles, einer der außergewöhnlichsten Bands dieses Jahrzehnts, gespielt hat, nimmt mit Indie-Folk-Erfolgproduzent Mike Mogis (Bright Eyes, Cursive, Riol Kiley, …) eine Indie-Rock-Folk-Country-Alternative-Platte auf. Noch dazu eine ganz wunderbare, die nach amerikanischer Prärie und verlassenen Kleinstädten klingt. Das kann man sich alles kaum vorstellen, das muss man sich anhören.

2. R.E.M. – Accelerate
Ja ja, R.E.M. gehen zurück zu ihren Wurzeln, erfinden sich neu, rhabarberrhabarber. R.E.M. klingen natürlich immer nach R.E.M., egal, wie lang die Songs und wie hoch die BPM-Zahl ist – dafür sorgt schon Michael Stipe, der sich auch diesmal wieder viel Mühe gibt, den ohnehin kryptischen Texten durch gezielte Vernuschelung noch eine weitere Bedeutungsebene zu geben. Bei R.E.M. bin ich so unkritisch und so sehr Fan wie bei kaum einer anderen Band (neben Oasis, Travis und Manics), von daher finde ich “Accelerate” eh toll. Natürlich wiederholt man sich nach 28 Jahren Bandgeschichte das eine oder andere Mal in Gitarrenläufen und Melodiebögen, aber auch in “wieder rockig” sind R.E.M. gut und möglicherweise sogar immer noch relevant.

3. Fettes Brot – Strom Und Drang
Mein erstes echtes deutschsprachiges Hip-Hop-Album (Fanta 4 unplugged zählt ja nicht so richtig). Es ist laut, es ist heiß, es ist Samstagnacht. “Strom Und Drang” ist ein kluges, gewitztes Album mit großen Hymnen und kleinen Mörderballaden. Wenn Bedenkenträger beim Wort Hip-Hop mal an Fettes Brot statt an Bushido denken würden, wäre schon viel gewonnen.

4. Gregor Meyle – So Soll Es Sein
Man muss Stefan Raab dankbar sein, dass er seine kleine, feine Castingshow “SSDSDSSWEMUGABRTLAD” gestartet hat. Die Musik von Gregor Meyle, der dort den zweiten Platz belegte, musste an die Öffentlichkeit, hätte das aber (und das zeigt, wie beliebig das Musikgeschäft mitunter ist) aus eigener Kraft vielleicht nie geschafft. Musikalisch liegt “So Soll Es Sein” ganz nah bei Howie Day, Cary Brothers oder John Mayer und auch textlich stehen die sehr persönlichen Songs ihren US-Vorbildern in nichts nach – auf deutsch klingt es halt nur schnell mal schlageresk. Trotzdem ist “So Soll Es Sein” ein sehr schönes Album, mit dem Gregor Meyle die Lücke besetzen dürfte, die im Spektrum deutschsprachiger Musik zwischen Tom Liwa und Herbert Grönemeyer klafft.

5. Get Cape. Wear Cape. Fly – Searching For The Hows And Whys
Gut ein Jahr, nachdem das großartige Debüt in Deutschland erschien, kommt schon der Nachfolger. Sam Duckworth ist nicht mehr ganz so alleine mit seiner Akustikgitarre und seinem Drumcomputer, die Arrangements klingen mit Band satter und poppiger, ansonsten bleibt alles beim Alten: wunderschöne Songs mit klugen Texten, große Gesten und kleine Überraschungen. Ob “Searching For The Hows And Whys” mit “The Chronicles Of A Bohemian Teenager” mithalten kann, wird erst der Langzeiteinsatz im MP3-Player zeigen. Im Moment deutet aber vieles darauf hin.

Songs
1. The Ting Tings – Great DJ
Ein Mann, eine Frau, eine Gitarre, ein Schlagzeug. Nicht originell, sagen Sie? Na ja, erstens ist die Aufteilung bei den Ting Tings genau andersrum als bei den White Stripes, zweitens kommen die Beiden aus England und drittens heißen die musikalischen Einflüsse bei ihnen Disco, Postpunk und wasweißichnoch. “Great DJ” ist ein sympathischer Hammer von Tanzbodenfüller und steht auf der vorläufigen Liste meiner Hits des Jahres sehr weit oben.

2. Fettes Brot – Lieber Verbrennen Als Erfrieren
Will man von Mittdreißigern wirklich hören, wie es ist, jung und frei zu sein? Wenn es Fettes Brot sind und so klingt: Auf jeden, Alter! Die Rave-Hip-Hop-Variante von “Live Forever” ist eine überlebensgroße Hymne, für deren standesgemäße Wiedergabe man sogar kurz über den Erwerb eines Cabrios mit Riesen-Soundsystem nachdenken sollte.

3. Lützenkirchen – 3 Tage Wach
Darf man einen Track, der bei “Polylux” gespielt wird, überhaupt noch gut finden? Ist es dann nicht definitiv zu spät? “3 Tage Wach” könnte das “D.A.N.C.E.” des Jahres 2008 werden, der Konsens-Elektro-Party-Schlager. Die Phase, in der man den Song nicht mehr “doof” und noch nicht “langweilig” findet, könnte kurz sein, aber, hey: druff, druff, druff, druff, druff!

4. Gregor Meyle – Irgendwann
Die Qualitäten des Albums “So Soll Es Sein” hatte ich ja weiter oben schon zusammengefasst. Konzentriert kann man das alles in “Irgendwann” hören, einem Lied, das ich mir als großen Hit für einen hoffentlich schönen Sommer wünsche.

5. The Last Shadow Puppets – The Age Of The Understatement
Alex Turner (Arctic Monkeys) und Miles Kane (The Rascals) wollten mal unabhängig von ihren Hauptbands musizieren und gründeten The Last Shadow Puppets. “The Age of The Understatement” ist eine wahnwitzige Kombination aus Spaghetti-Western-Musik und Schwarzmeer-Kosaken-Chören. Oft kann man sich sowas auch nicht anhören, aber schön isses schon.

[Listenpanik - Die Serie]

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