Beiträge vom März, 2008

Scheiße zum Quadrat

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. März 2008 16:32

Aus Düsseldorf kommt nichts Gutes: Studiengebühren, Alt-”Bier” und die Toten Hosen, zum Beispiel. Oder der neue Slogan fürs Ruhrgebiet, den sich die Werbeagentur Grey entweder aus Unkenntnis oder reiner Verachtung für die dort lebenden Menschen ausgedacht hat:

Ruhrn Team-Work-Capital

So wird das nie was mit der Metropole. Oder auch nur mit dem ernst genommen werden.

[via blog.50hz.de]

Listenpanik 02/08

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. März 2008 13:09

Bei der letzten Listenpanik hatte ich mich beklagt, dass im Januar so wenige Platten erschienen seien. Nun, das war im Februar schon deutlich anders: Obwohl es bekanntlich der kürzeste Monat ist, war die Auswahl an guten bis sensationellen Alben plötzlich riesengroß. Ich habe kurz darüber nachgedacht, die Top-Five-Regelung über den Haufen zu werfen und einfach alle guten Platten aufzuschreiben, aber Top Five ist Top Five. Für die Jahresendliste ist es eh unerheblich, ob ein Album in den Monatslisten aufgetaucht ist.

Ebenfalls in der letzten Listenpanik hatte ich verkündet, “wenn nichts mehr dazwischen kommt” werde “Lucky” von Nada Surf im Februar die Bestenliste der Alben anführen. Wie Sie in zwei Zeilen erfahren werden, ist etwas bzw. jemand dazwischengekommen:

Alben
1. Goldfrapp – Seventh Tree
Jawoll, sie haben es sich verdient: Goldfrapp, das Duo aus Alison Goldfrapp und Will Gregory, machen auf ihrem vierten Album Musik, die so sehr auf den Punkt ist, dass man sie einfach lieben muss. Perfekt ausgependelt zwischen Folk und Elektronik, zwischen Kathleen Edwards und Imogen Heap. Erinnern Sie sich an die unendliche Leichtigkeit, die Ihnen entgegen strömte, als Sie zum ersten Mal “Moon Safari” von Air gehört haben? Hier ist sie wieder, zehn Jahre später.

2. Nada Surf – Lucky
Viel falsch gemacht haben Nada Surf in ihrer bisherigen Karriere nicht, auf ihrem fünften Album machen sie fast alles richtig. Nach “See These Bones” und “Whose Authority” weiß man gar nicht mehr, wohin mit der eigenen Euphorie, und das sind erst die ersten beiden Stücke auf der Platte. “Lucky” ist zeitloser Indie Rock, der in erster Linie happy macht.

3. Joe Jackson – Rain
Ist doch irgendwie klar, dass ich Joe Jackson großartig finden muss: Immerhin spielt er Klavier und hat einen britischen Akzent. Nicht klar? Okay: Er hat ziemlich offensichtlich Ben Folds beeinflusst, so tolle Musik zu machen – und das war selten so offensichtlich wie auf “Rain”, wo Jackson so sehr nach Folds klingt (also irgendwie andersrum, aber Sie verstehen) wie lange nicht mehr. Sehr eleganter Pianopop, der mal zum Pianorock wird, mal zum Jazz, und im tieftraurigen “Solo (So Low)” seinen … äh: Höhepunkt findet. Oder doch in der Destiny’s-Child-Anleihe in “Good Bad Boy”?

4. Niels Frevert – Du kannst mich an der Ecke rauslassen
Für seine alte Band Nationalgalerie bin ich zu jung und auch sonst muss ich zugeben, bis heute wenig von Niels Frevert gehört zu haben. Aber sein drittes Soloalbum “Du kannst mich an der Ecke rauslassen” gefällt mir, unter anderem weil es auf erstaunliche Weise “undeutsch” klingt. Die Arrangements erinnern an Damien Rice und José Gonzales und die Stimmung ist ein bisschen so wie auf Tom Liwas Meisterwerk “St. Amour”. Den dezent swingenden Titelsong sollte man testweise mal Roger-Cicero-Faninnen vorspielen, zu Therapiezwecken.

5. Tegan And Sara – The Con
“Kanada”, “Zwillinge”, “Indie Pop” – “Bingo!”
Nur ein gutes halbes Jahr nach seinem Release ist das fünfte Album der Schwestern jetzt auch in Deutschland erschienen. Musik und Texte sind eine wunderbare Mischung aus niedlich und gemein und man hofft, dass dieser kanadische Indie Pop (von Zwillingen!) endlich mal die Charts und Radiostationen erobert.

Songs
1. Goldfrapp – A&E
Ich liebe es, wenn man beim allerersten Hören eines Songs, noch bevor dieser zu Ende ist, denkt: “Was für ein tolles, tolles Lied! Ich möchte es mir ins Herz tätowieren lassen!” So war es bei “A&E”, von dem ich beim allerersten Hören gar nicht wusste, dass es auch die erste Single aus “Seventh Tree” ist. Natürlich völlig zu Recht.

2. R.E.M. – Supernatural Superserious
Klar: Außer “Shiny Happy People” haben R.E.M. noch nie irgendwas falsch gemacht. Gerade die Vorab-Singles waren ja auch bei den letzten beiden Alben (“Imitation Of Life”, “Leaving New York”) immer Übersongs, aber so ein ganz kleines bisschen erstaunt ist man dann vielleicht doch, dass R.E.M. wieder richtig rocken (obwohl sie das ja mit den neuen Songs auf ihrem Best Of von 2003 auch getan hatten) und “Supernatural Superserious” zwei Durchgänge länger braucht, bis man sich in den Song verliebt hat. Aber dann ist alles ganz wunderbar und irgendwann versteht man auch nicht mehr “Gisela”, sondern “It’s a lie”.

3. Danko Jones – Take Me Home
Der unwahrscheinlichste Song des Monats auf einem ziemlich unwahrscheinlichen Danko-Jones-Album: Die Kanadier spielen ein Beinahe-Cover von John Denvers “Country Roads”, original mit Akustikgitarre, Mitklatschrhythmus und Chören im Refrain. Das geht entweder gar nicht oder ist das heimliche Highlight der Platte. Ich entscheide mich für letzteres, nicht zuletzt wegen der Textzeile “Take me home to where my records are”. Demnächst dann vermutlich auf WDR 2.

4. Panic At The Disco – Nine In The Afternoon
Na, das macht doch schon mal Laune auf das Zweitwerk der Band, die auf Ihrem Debüt noch Panic! At The Disco hieß. Ein bisschen gradliniger als die meisten Songs auf “A Fever You Can’t Sweat Out” ist “Nine In The Afternoon” ja schon geworden, aber das soll uns nicht stören, denn es ist einfach ein feiner Song.

5. OneRepublic – Stop And Stare
Schon klar: “Apologize” ging sehr schnell gar nicht mehr. Dieser Kastratengesang, der omnipräsente Timbaland und dann auch noch Til Schweiger im (deutschen) Video – das konnte nicht mal mehr Nora Tschirner (ebenfalls im deutschen Video) ausgleichen. “Stop And Stare” zwingt zur näheren Beschäftigung mit OneRepublic, denn diese Sorte College Rock (oder wie auch immer man diesen Sound in den Nuller Jahren nennt) mag ich sehr gerne. Sowohl The Fray als auch Orson lassen grüßen.

EP
Smashing Pumpkins – American Gothic
Wer mit “Zeitgeist”, dem Comeback-Album der Smashing Pumpkins, nicht klar kam, weil es “irgendwie nichts Neues” zu bieten hatte, der wird auch mit der EP “American Gothic” seine Probleme haben, denn auch die könnte schon zehn Jahre alt sein. Sehr genau sogar, denn der Verzicht auf elektrische Gitarren sorgt für vier derart melancholische Songs, wie sie Billy Corgan seit “Adore” nicht mehr geglückt sind. Natürlich braucht man streng genommen gar keine Nachfolger von “To Sheila”, “Perfect” oder “Tear”, aber sobald Billy Corgan bei “The Rose March” anfängt, mit sich selbst im Duett zu singen, setzt wieder diese Gänsehaut ein, für die man die Pumpkins immer geliebt hat. Und wer nicht will, der hat schon.

Ebenfalls gehört und für gut befunden: Danko Jones – Never Too Loud, Home Of The Lame – Sing What You Know, k.d. lang – Watershed, Vampire Weekend – Vampire Weekend, Chris Walla – Field Manual

Vorher-Nachher-Bilder

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. März 2008 15:24

Grobi zählte nicht unbedingt zu meinen Lieblingscharakteren der “Sesamstraße”: Seine Stimme war mir zu anstrengend, er selbst immer ein bisschen zu hektisch. Aber von ihm habe ich gelernt, “groß” und “klein” zu unterscheiden, “nah” und “fern”, “laut” und leise”, und vermutlich auch “vorher” und “nachher”.

Wer auch immer bei stern.de heute für die Befüllung der Rubrik “Leute von heute” zuständig war, er hat Grobi offenbar nie richtig zugehört:

Nach Schaupielerin Jessica Alba entdeckt nun auch Sängerin Christina Aguilera ihr Faible für Hitchcock-Klassiker. Alba ließ sich vor Kurzem für das “Latina” Magazin als Hictchcocks Horrorbraut ablichten, Christina Aguilera tat es bereits im vergangenen August.

Ich habe die Informationen dieser zwei Sätze zur besseren Veranschaulichung mal kurz in einer Grafik zusammengefasst:

Jessica Alba und Christina Aguilera

Nachlesen können Sie diese beeindruckend Kurzprosa übrigens auf einer Seite, deren URL wie folgt endet: …/:Leute-Angelina-Jolie/603334.html

Alle Räder stehen still

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. März 2008 16:00

Gewerkschafter in San Francisco, CA

Heute brauche ich die Wohnung nicht zu verlassen, denn im Bochumer ÖPNV sieht es aus, als wären Weihnachten, das Fußball-WM-Finale Deutschland – Holland, ein Schneesturm, ein Stromausfall und eine Sonnenfinsternis auf einen Tag gefallen: Nichts geht mehr.

Glücklicherweise muss ich heute weder zur Uni noch mit irgendwelchen tollen Frauen in noch tollere Kinofilme, denn sonst wäre ich SEHR, SEHR ANGEKOTZT. Meine Solidarität und mein Mitgefühl werden nämlich nicht in einer Währung erkauft, die “mir auf die Nerven gehen” heißt.1

Streiken tun Ver.di und Komba, was nicht etwa lustige Figuren aus lehrreichen Serien beim KiKa sind, sondern Gewerkschaften. Gewerkschaften, das weiß ich seit meinem achten Lebensjahr, sind böse: Sie werden geführt von Menschen, die so lustige Namen wie Monika Wulf-Mathies oder Frank Bsirske tragen, und wenn sie mal schlecht gelaunt sind, wird der Müll wochenlang nicht abgeholt und es laufen Ratten über den Schulhof. Am 1. Mai, wenn normale Menschen ausschlafen, laufen sie mit selbstgemalten Transparenten durch die Straßen und wollen Geld.

Warum die Gewerkschaften das diesmal wollen, war mir bis gestern nicht so ganz klar. Jens musste es mir bei der pl0gbar erklären und war so freundlich, diese Erklärung gleich auch noch mal bei sich zu bloggen. Von Seiten der Gewerkschaften hatte ich bisher nur einen Zettel in der U-Bahn gesehen, auf dem stand, dass man als alleinstehender Straßenbahnfahrer zum Berufseinstieg einen Hungerlohn von 1.200 Euro netto bekomme, was für mich jetzt irgendwie nicht allzu dramatisch klang. Auch der Website von Ver.di oder dieser Kampagnenseite konnte ich allenfalls entnehmen, dass die Gewerkschafter mehr Geld wollen. Das will aber jeder, weswegen ich ein paar kleine Erklärungen ganz töfte gefunden hätte.

Deshalb fordere ich: PR-Berater in die Gewerkschaften!

Was ein Müllmann, ein Busfahrer, eine Bibliothekarin macht, weiß ich selbst – ich möchte wissen, warum sie mehr Geld wollen – und da finde ich “Weil sie in den letzten Jahren immer weniger Geld gekriegt haben”, schon eine ziemlich nachvollziehbare Begründung. Ich wette nur, wenn man heute Morgen einhundert entnervte Pendler befragt hätte: “Nennen Sie einen Grund, warum Sie heute nicht zur Arbeit gefahren werden!”, wäre “Reallohnverluste in den vergangenen Jahren” nicht die Top-Antwort gewesen.

Locker verteilte Warnstreiks sind nur ärgerlich: Wenn Montags die Kindergärtnerinnen streiken, Dienstags die Busfahrer und Mittwochs die Müllabfuhr, hat die Bevölkerung jeden Tag einen Grund sich zu ärgern und total unsolidarisch drauf zu sein. Wie wäre es denn mal mit einem ordentlichen, alles lähmenden Generalstreik? Man müsste sich keine Gedanken mehr machen, wer die Kinder versorgt und wie man zur Arbeit kommt, man könnte mit den Kleinen gemütlich zuhause sitzen, Kakao trinken und ihnen die Ratten in den Müllbergen im Vorgarten zeigen. Frankreich und Italien sind berühmt für ihre Generalstreiks und die Deutschen sind doch sonst immer so vernarrt in Merlot, Latte Matschiato und Brusketta, warum nicht mal einen schicken Generalstreik importieren? Danach wüssten alle, wo überall Menschen arbeiten, die mehr Geld verdient hätten,2 und es wäre ein bisschen wie Urlaub mitten im Jahr. Die Straßen wären nicht verstopft (auch Gewerkschaften sollten sich dem Umweltschutz nicht verschließen) und alle würden einander mögen und toll finden.

Stattdessen: In Mülltüten gekleidete Schnauzbartträger, die hinter einem brennenden Fass stehen und in Trillerpfeifen blasen. So zwanzigstes Jahrhundert, so SPD, so nicht 2.0.

Natürlich kann es sein, dass dies ein überkommenes Klischee ist oder in Gewerkschaftskreisen als Folklore im Sinne von Karneval, Fußball oder Volksmusik gilt, aber es ist immer noch das bestimmende Bild in den Medien. Was letztlich auch daran liegen könnte, dass Medienkonzerne letztlich auch in Gewerkschaften organisierte Angestellte haben, und deshalb wenig Wert darauf legen, dass Streikende sympathisch rüberkommen.

  1. Größte Sympathien kann erwarten, wer mich in Frieden lässt. Die Weltpolitik sollte meinem Beispiel folgen. []
  2. Ist es nicht völlig bizarr, dass man in der deutschen Sprache weniger Geld verdienen kann als man verdient hätte? []

Lesen Sie nicht diesen Artikel bei Coffee And TV!

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. März 2008 1:09

Die schweizer Bank Julius Bär ist gerichtlich gegen die Internet-Plattform Wikileaks vorgegangen, weil auf dieser Kundendaten aufgetaucht waren, die Geldwäsche und Steuerhinterziehung auf den Cayman Islands belegen sollen. Inzwischen ist Wikileaks wieder online.

Da mein Interesse am Finanzgeschehen eher gering ist, kannte ich die Bank Julius Bär vorher gar nicht – genauso wenig wie Wikileaks. Ebenso war mir der Begriff für derart unfreiwillige PR bisher unbekannt, aber Dank NPR weiß ich nun, dass man in solchen Fällen vom “Streisand effect” spricht. Dieser ist benannt nach der Schauspielerin Barbra Streisand, die einen Fotografen verklagt hatte, dem beim Fotografieren der kalifornischen Küste auch das Haus der Schauspielerin vor die Linse geraten war. Bis zu ihrer Klage war das niemandem aufgefallen, danach war das Foto auf Internetseiten und in Zeitungen zu sehen.

Auch in Deutschland kennt man Fälle, in denen die (versuchte) Verhinderung von Berichterstattung sehr viel mehr Aufmerksamkeit erzeugt hat als die ursprüngliche Berichterstattung selbst. Allerdings unter etwas anderen Vorzeichen:

Da wäre der Nachrichtensprecher, der 1998 gerichtlich gegen die Behauptung vorging, er sei homosexuell, und mit diesem Schritt eine größere mediale Aufmerksamkeit erregte, als es die Nischen-Medien, die die Behauptung aufgestellt hatten, je gekonnt hätten.

Oder der damalige Bundeskanzler, der vor Gericht zog, weil eine Nachrichtenagentur in einem Nebensatz die Behauptung einer Image-Beraterin zitiert hatte, der Politiker färbe sein dunkles Haupthaar.

Nun verhält es sich in diesen Fällen etwas anders als bei Julius Bär und Barbra Streisand: Gerichtlich bestätigt müssen wir davon ausgehen, dass der Nachrichtensprecher wirklich nicht homosexuell ist, der Kanzler wirklich nicht gefärbt hat.

Allein: Das Unterbewusstsein kennt ja angeblich keine Verneinung und speichert deshalb den Begriff “schwul” unter dem Foto des Nachrichtensprechers ab und addiert beim (inzwischen Alt-)Kanzler “Haare färben”. Mal davon ab, dass man als Spitzenpolitiker mit einem kleinlichen Prozess in der Regel mehr bleibenden Eindruck hinterlässt, als eine unbekannte Image-Beraterin mit einem dahingesagten Halbsatz über die Haare des Kanzlers.

Die Dichterschlacht von Dinslaken

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. März 2008 12:32

Weil’s in den Kommentaren ja doch wieder untergehen könnte:

Am morgigen Montag, 3. März findet im Bistro “Mittelpunkt” in der Stadthalle der Dinslakener Poetry Slam statt.

Alles Wissenswerte dazu findet man unter slam-dinslaken.de.vu, darunter auch die Regeln, von denen mir folgende besonders gut gefällt:

Mobiltelefone müssen während der Veranstaltung lautlos bzw. ausgeschaltet werden. Beim Klingeln während einer Lesung muss der Besitzer des Handys ein Lied aus der „Mundorgel“ vor gesamtem Publikum vortragen.

Ich selbst bin am Montag leider nicht in der Stadt, werde mir das Spektakel aber bestimmt bei einem der nächsten Termine (7. April, 5. Mai) mal ansehen.

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