Alle Räder stehen still

Von Lukas Heinser, 5. März 2008 16:00

Gewerkschafter in San Francisco, CA

Heute brauche ich die Wohnung nicht zu verlassen, denn im Bochumer ÖPNV sieht es aus, als wären Weihnachten, das Fußball-WM-Finale Deutschland – Holland, ein Schneesturm, ein Stromausfall und eine Sonnenfinsternis auf einen Tag gefallen: Nichts geht mehr.

Glücklicherweise muss ich heute weder zur Uni noch mit irgendwelchen tollen Frauen in noch tollere Kinofilme, denn sonst wäre ich SEHR, SEHR ANGEKOTZT. Meine Solidarität und mein Mitgefühl werden nämlich nicht in einer Währung erkauft, die „mir auf die Nerven gehen“ heißt.1

Streiken tun Ver.di und Komba, was nicht etwa lustige Figuren aus lehrreichen Serien beim KiKa sind, sondern Gewerkschaften. Gewerkschaften, das weiß ich seit meinem achten Lebensjahr, sind böse: Sie werden geführt von Menschen, die so lustige Namen wie Monika Wulf-Mathies oder Frank Bsirske tragen, und wenn sie mal schlecht gelaunt sind, wird der Müll wochenlang nicht abgeholt und es laufen Ratten über den Schulhof. Am 1. Mai, wenn normale Menschen ausschlafen, laufen sie mit selbstgemalten Transparenten durch die Straßen und wollen Geld.

Warum die Gewerkschaften das diesmal wollen, war mir bis gestern nicht so ganz klar. Jens musste es mir bei der pl0gbar erklären und war so freundlich, diese Erklärung gleich auch noch mal bei sich zu bloggen. Von Seiten der Gewerkschaften hatte ich bisher nur einen Zettel in der U-Bahn gesehen, auf dem stand, dass man als alleinstehender Straßenbahnfahrer zum Berufseinstieg einen Hungerlohn von 1.200 Euro netto bekomme, was für mich jetzt irgendwie nicht allzu dramatisch klang. Auch der Website von Ver.di oder dieser Kampagnenseite konnte ich allenfalls entnehmen, dass die Gewerkschafter mehr Geld wollen. Das will aber jeder, weswegen ich ein paar kleine Erklärungen ganz töfte gefunden hätte.

Deshalb fordere ich: PR-Berater in die Gewerkschaften!

Was ein Müllmann, ein Busfahrer, eine Bibliothekarin macht, weiß ich selbst – ich möchte wissen, warum sie mehr Geld wollen – und da finde ich „Weil sie in den letzten Jahren immer weniger Geld gekriegt haben“, schon eine ziemlich nachvollziehbare Begründung. Ich wette nur, wenn man heute Morgen einhundert entnervte Pendler befragt hätte: „Nennen Sie einen Grund, warum Sie heute nicht zur Arbeit gefahren werden!“, wäre „Reallohnverluste in den vergangenen Jahren“ nicht die Top-Antwort gewesen.

Locker verteilte Warnstreiks sind nur ärgerlich: Wenn Montags die Kindergärtnerinnen streiken, Dienstags die Busfahrer und Mittwochs die Müllabfuhr, hat die Bevölkerung jeden Tag einen Grund sich zu ärgern und total unsolidarisch drauf zu sein. Wie wäre es denn mal mit einem ordentlichen, alles lähmenden Generalstreik? Man müsste sich keine Gedanken mehr machen, wer die Kinder versorgt und wie man zur Arbeit kommt, man könnte mit den Kleinen gemütlich zuhause sitzen, Kakao trinken und ihnen die Ratten in den Müllbergen im Vorgarten zeigen. Frankreich und Italien sind berühmt für ihre Generalstreiks und die Deutschen sind doch sonst immer so vernarrt in Merlot, Latte Matschiato und Brusketta, warum nicht mal einen schicken Generalstreik importieren? Danach wüssten alle, wo überall Menschen arbeiten, die mehr Geld verdient hätten,2 und es wäre ein bisschen wie Urlaub mitten im Jahr. Die Straßen wären nicht verstopft (auch Gewerkschaften sollten sich dem Umweltschutz nicht verschließen) und alle würden einander mögen und toll finden.

Stattdessen: In Mülltüten gekleidete Schnauzbartträger, die hinter einem brennenden Fass stehen und in Trillerpfeifen blasen. So zwanzigstes Jahrhundert, so SPD, so nicht 2.0.

Natürlich kann es sein, dass dies ein überkommenes Klischee ist oder in Gewerkschaftskreisen als Folklore im Sinne von Karneval, Fußball oder Volksmusik gilt, aber es ist immer noch das bestimmende Bild in den Medien. Was letztlich auch daran liegen könnte, dass Medienkonzerne letztlich auch in Gewerkschaften organisierte Angestellte haben, und deshalb wenig Wert darauf legen, dass Streikende sympathisch rüberkommen.

  1. Größte Sympathien kann erwarten, wer mich in Frieden lässt. Die Weltpolitik sollte meinem Beispiel folgen. []
  2. Ist es nicht völlig bizarr, dass man in der deutschen Sprache weniger Geld verdienen kann als man verdient hätte? []

31 Kommentare

  1. Stitch
    5. März 2008, 16:18

    Den „Warnstreik“ gibts noch gar nicht so lange. Meines Wissens seit den 70ern. Und der ist im öffentlichen Dienst auch immer so eine Sache. An einem normalen Werktag den gesamten Nahverkehr im Ruhrgebiet lahmzulegen hat mit dem Recht auf Streik nicht viel zu tun. Das ist vielmehr Erpressung (wie auch die Aktionen, die die GdL nun wieder angekündigt hat).

    Zudem handelt es sich bei diesen „Warnstreiks“ immer auch um Mitgliederwerbeaktionen der Gewerkschaften: Ausfallgeld aus der Streikkasse bekommen ja nur die Gewerkschaftsmitglieder. Je mehr also warngestreikt wird, umso mehr Leute treten hernach in die Gewerkschaft ein. Dafür, dass VerDi demnächst ein paar hundert Mitglieder mehr verzeichnet, war ich heute 2 Stunden von Bochum nach Duisburg unterwegs. Und nachher nochmal 2 Stunden wieder zurück. Und das, obwohl noch nicht mal Verhandlungen gescheitert sind. Verständnis, Solidarität? Eher nicht, nein…

  2. Nils B.
    5. März 2008, 17:15

    Ich wünsche mir mal wieder, dass es hier so wie in Frankreich laufen würde, wo im Zweifel einfach Solidarität mit den Streikenden angesagt ist.
    Wie das hier läuft, kann man sich gerade gut in der zugehörigen Diskussion im SpOn-Forum angucken. Da zerfleischen sich Angestellte in der freien Wirtschaft, Angestellte des ÖD und Beamte gerade gegenseitig und diskutieren, wer am Abend fünf Brötchen mehr auf dem Tisch hat und ob dies angemessen ist.
    Liest man sich 1-2 Seiten dieser Diskussion durch, rückt die Vorstellung eines Generalstreiks in Deutschland in weite, weite Ferne!

  3. Lars
    5. März 2008, 17:53

    Ich lasse mich ja gerne eines Besseren belehren, aber so viel ich weiß ist ein Generalstreik im Sinne von Generalstreik, also alle, in Deutschland überhaupt nicht erlaubt!

    Zitat Lukas:
    „…dass man als alleinstehender Straßenbahnfahrer zum Berufseinstieg einen Hungerlohn von 1.200 Euro netto bekomme…“

    Vielleicht lebe ich ja in einer anderen Welt, aber 1200 Euro netto für einen Alleinstehenden Berufsanfänger ist nun wirklich nicht schwierig und damit lässt es sich relativ wunderbar heutzutage zu leben.

    PS.: Hier in Berlin streikt der ÖPNV, BVG genannt, ebenfalls, allerdings unbefristet! Bin mal gespannt was das wird, wenn ab Montag auch die S- Bahn, die ja zur Deutschen Bahn gehört, auch noch streikt.

    PSS.: Dem Klimaschutz tut das bestimmt auch gut… ;)

  4. Lars
    5. März 2008, 17:56

    Noch was vergessen: Man sollte nicht die Brutto- Löhne höher machen, sondern die Netto- Löhne. Dann hat Arbeitgeber und Arbeitnehmer was davon und die Wirtschaft, aber anderes Thema…

  5. nele
    5. März 2008, 20:11

    Mal abgesehen davon dass ich grad gelernt hab dass Du zwei Jahre jünger bist als ich, bin ich seit heute nachmittag auch angekotzt, als ich heim kam und eine email von der Uni hatte, die den Studenten (wirklich netterweise) mitteilte, dass morgen auch bei den Stadtwerken Konstanz garnichts geht. Sprich ich bin eben auch nochmal in die Uni gefahren und hab meine Sachen aus dem Schließfach geholt. Bin nämlich leider nicht in der beneidenswerten Kakao-trinken-Ratten-kucken Lage zur Zei…

  6. Jens
    5. März 2008, 21:54

    @Stitch (1):

    Den “Warnstreik” gibts noch gar nicht so lange. Meines Wissens seit den 70ern. Und der ist im öffentlichen Dienst auch immer so eine Sache.

    Angeblich (bin kein Jurist) gibt es keinen juristischen Unterschied zwischen einem Warnstreik und einem normalen Streik bis auf die Tatsache, dass er nicht unbefristet ist und dementsprechend auch keine Urabstimmung erforderlich ist.

    An einem normalen Werktag den gesamten Nahverkehr im Ruhrgebiet lahmzulegen hat mit dem Recht auf Streik nicht viel zu tun.

    Also sollte man mit Streikaktionen am Wochenende nachts um 04.00 Uhr versuchen Druck auszuüben?

    Das ist vielmehr Erpressung (wie auch die Aktionen, die die GdL nun wieder angekündigt hat).

    Abgesehen davon, dass ich so langsam aber sicher das Hickhack in Sachen GDL DB nicht mehr verstehe, ist das nicht Erpressung, sondern grundgesetzlich geschützter Arbeitskampf.

    Zudem handelt es sich bei diesen “Warnstreiks” immer auch um Mitgliederwerbeaktionen der Gewerkschaften: Ausfallgeld aus der Streikkasse bekommen ja nur die Gewerkschaftsmitglieder. Je mehr also warngestreikt wird, umso mehr Leute treten hernach in die Gewerkschaft ein. Dafür, dass VerDi demnächst ein paar hundert Mitglieder mehr verzeichnet, war ich heute 2 Stunden von Bochum nach Duisburg unterwegs. Und nachher nochmal 2 Stunden wieder zurück.

    Das Anwerben von Mitgliedern ist kaum ein Hauptargument. Eher geht es darum der Arbeitgeberseite zu zeigen, dass man bereit ist ggf. auch drastischere Mittel einzulegen.

    Und das, obwohl noch nicht mal Verhandlungen gescheitert sind.

    Wenn die Verhandlungen endgültig gescheitert sind wird eine Schlichtung stattfinden. Dann gilt die Friedenspflicht und Warnstreiks sind verboten. Insofern ist es geradeu notwendig vorher die Warnstreiks zu machen.

    Es kann ja auch nicht sein, dass die Arbeitgeber ihr Angebot von Verhandlungsrunde zu Verhandlungsrunde nicht verbessern bzw. sogar teilweise verschlechtern.

    Verständnis, Solidarität? Eher nicht, nein…

    Tja, dann nicht. Ich hoffe für Dich, dass Du nie in eine Situation kommst, wo Du auf Verständnis und Solidarität hoffst.

    @Nils B. (2):
    Ich wünsche mir mal wieder, dass es hier so wie in Frankreich laufen würde, wo im Zweifel einfach Solidarität mit den Streikenden angesagt ist.

    Generalstreiks im französischen Sinne sind hierzulande verboten. Ob man da jetzt ein „Leider“ an den Anfang des Satzes packt, weiß ich noch gar nicht…

    @Lars (3):
    Vielleicht lebe ich ja in einer anderen Welt, aber 1200 Euro netto für einen Alleinstehenden Berufsanfänger ist nun wirklich nicht schwierig und damit lässt es sich relativ wunderbar heutzutage zu leben.

    Also ich könnte es nicht.

  7. Oliver Ding
    5. März 2008, 23:08

    Im Gegensatz zu den GDLern, die ja gerade keine Solidarität haben wollten, weil sie wegen der Eigenständigkeitsforderung ihre eigenen Kollegen ausbooten woll(t)en, herrscht da ja eine branchenübergreifende Gemeinschaftlichkeit. Derzeit zeigen die Kollegen des Öffentlichen Dienstes eben häppchenweise, wo sie überall gute Arbeit leisten. Und wenn die IMHO berechtigte Forderung, nach den von der öffentlichen Hand vehement eingeforderten Nullrunden der letzten Jahre, die den derzeitigen Aufschwung durchaus erst mitmöglich machten, jetzt die Wiederankopplung an die sonstige Lohnentwicklung fordert, aber als Angebot bislang nur ein „Arbeitet mehr, dann bekommt ihr auch mehr Geld“ kommt, sind die fortgesetzten Nadelstiche ziemlich sinnvoll. Denn da geht es nicht nur um Eitelkeiten wie bei der GDL, sondern um gerechtes Geld für gute Arbeit.

  8. Lukas
    6. März 2008, 0:47

    Also sollte man mit Streikaktionen am Wochenende nachts um 04.00 Uhr versuchen Druck auszuüben?

    Auf wen soll denn eigentlich Druck ausgeübt werden? Auf die Arbeitgeber, die vom Fahrer im Dienstmercedes ins Büro gekarrt werden? Wenn ich nicht zur Arbeit komme, obwohl die Strecke frei ist (was im Ruhrgebiet ja auch schon mal eine Sensation wäre), dann schreie ich den streikenden U-Bahnfahrer an, was er sich dabei denke, und ziehe nicht mit ihm gemeinsam zur Konzernzentrale, um für ihn mehr Lohn zu fordern.

    Ich hoffe für Dich, dass Du nie in eine Situation kommst, wo Du auf Verständnis und Solidarität hoffst.

    Gemach, gemach!

    Generalstreiks im französischen Sinne sind hierzulande verboten.

    Wahrscheinlich sind Streiks Ländersache und deshalb geht das in diesem Vielvölkerstaat Föderalstaat nicht, stimmt’s?

  9. Pottblog
    6. März 2008, 7:24

    Pot(t)pourri (55)…

    Potpourri, frz.: Allerlei, kunterbunte Mischung
    Pot(t)pourri, dt.: Kurze vermischte Beiträge im Pottblog
    ***
    Gestern berichtete ich von den Streiks im öffentlichen Dienst.
    Alleine in Bochum waren über 8000 Beschäftigte bei der Strei…

  10. Stitch
    6. März 2008, 9:18

    @jens:

    Angeblich (bin kein Jurist) gibt es keinen juristischen Unterschied zwischen einem Warnstreik und einem normalen Streik bis auf die Tatsache, dass er nicht unbefristet ist und dementsprechend auch keine Urabstimmung erforderlich ist.

    Das ist nur halb richtig. Der Punkt ist, daß bei einem Warnstreik die Verhandlungen für „temporär gescheitert“ erklärt werden und damit ein Ausstand von einigen Stunden gerechtfertigt wird. Juristisch eindeutig geklärt ist das erst seit 88, aber das ist ein anderes Thema…

    Also sollte man mit Streikaktionen am Wochenende nachts um 04.00 Uhr versuchen Druck auszuüben?

    Nein, aber es ist nun mal was anderes, ob man, bei einem Streik im Metallgewerbe einen Betrieb stillegt oder im öffentlichen Dienst den gesamten Nahverkehr einer ganzen Region. Im ersten Fall wird Druck auf die Arbeitgeber ausgeübt, im zweiten Fall auf den Großteil der Bevölkerung. das IST Erpressung, davon geh ich nicht ab.

    Das Anwerben von Mitgliedern ist kaum ein Hauptargument. Eher geht es darum der Arbeitgeberseite zu zeigen, dass man bereit ist ggf. auch drastischere Mittel einzulegen.

    Das kann man auch anders sehen, gerade beim Mitgliederschwund von VerDi der letzten Jahre. Eine andere Sichtweise, die auf jeden Fall auch bedenkenswert ist, zum Beispiel hier.

    Ich hoffe für Dich, dass Du nie in eine Situation kommst, wo Du auf Verständnis und Solidarität hoffst.

    Das ist mir zu billig, sorry. Es gibt Dinge, für die hat man Verständnis und welche, für die hat man es nicht. Nur weil jemand auf Verständnis hofft, muss er es noch lange nicht bekommen. Und Solidarität um der Solidarität willen ist Unfug.

    Ich könnte im übrigen auch nicht mehr von 1200 Euronen monatlich leben, aber ich bin auch kein Berufsanfänger mehr. Dass ich mittlerweile wesentlich mehr verdiene habe ich mir nun mal auch erarbeitet. Aber vor 16, 17 Jahren habe ich auch mal weniger verdient als das.

    Und den eigentlichen Kern zum Thema „Realeinkommensminderung“ hat Lars weiter oben schon erwähnt:
    Man sollte nicht die Brutto- Löhne höher machen, sondern die Netto- Löhne.

  11. vib
    6. März 2008, 11:36

    „Ich lasse mich ja gerne eines Besseren belehren, aber so viel ich weiß ist ein Generalstreik im Sinne von Generalstreik, also alle, in Deutschland überhaupt nicht erlaubt!“

    Mal ganz theoretisch gefragt: Wer sollte dieses Verbot denn durchsetzen? Die Bundeswehr? In Frankreich würde das (wenn es so ist) keine Sau interessieren – soviel zu „typisch deutschen“ Verhältnissen.

  12. Stitch
    6. März 2008, 12:20

    Wer sollte dieses Verbot denn durchsetzen?

    Die Justiz? Die Arbeitgeber? Wenn ein Generalstreik nicht erlaubt ist, dann wäre ein etwaiger solcher eben kein rechtmässiger Streik. Da kann ich mir auf Anhieb durchaus den einen oder anderen Arbeitgeber vorstellen, der entsprechende Schritte einleiten würde…
    Typisch deutsch? Ich weiss ja nicht… Bei Generalstreiks geht es doch wohl eher darum, Forderungen gegenüber der Regierung/dem Staat durchzusetzen, nicht um Tarifkonflikte.

  13. ruhrpottjunge
    6. März 2008, 12:47

    Wer hier fordert, man solle „im Zweifel“ solidarisch sein, der spricht mir als mündigem Menschen das Recht ab, mir eine eigene Meinung zu bilden.

    Und meine Meinung ist: Wer einen Bus fährt, und wer 1200 EUR netto verdient, der bekommt für relativ wenig Leistung relativ viel Geld – und das Geld ist auch nur sicher. Da kenne ich Berufe und berufliche Situationen, da stimmt das Verhältnis wesentlich weniger. Nein, ich empfinde „Bus fahren“ nicht als minderwerige Arbeit – aber eben auch nicht als hochqualifizierte Arbeit. Wer „nur“ Bus fährt, ist leicht ersetzbar, Bus fahren können viele, und wer leicht ersetzbar ist, ist billig. Dass solche Menschen weit über dem Arbeitsmarktpreis bezahlt werden, ist ein Aspekt des Konstrukts öffentlicher Dienst.

    Anstatt aber dankbar zu sein, dass man nicht ohne weiteres durch günstigere, weil marktliche Alternativen ersetzt wird, hört man mit dem Bus fahren auf. Da soll ich „im Zweifel“ „solidarisch“ sein? Nein.

    Überhaupt „solidarisch“. Das ist ein gefährliches Wort. Es klingt wie „gehorsam“. Wer solidarisch ist, der ist es aus Prinzip. Weil „man“ solidarisch ist. Solidarisch hat nichts mit eigenem Denken zu tun, mit freier Meinungsbildung. Solidarisch bin ich nie: Ich stimme entweder zu oder nicht.

  14. Jörg Friedrich
    6. März 2008, 14:38

    Ich wollte nur mal sagen: Schön geschriebener Text. Da sollte Verdi doch öfter streiken, wenn dann so gute Texte entstehen.

  15. Oliver Ding
    6. März 2008, 19:29

    @ruhrpottjunge: Und meine Meinung ist: Wer einen Bus fährt, und wer 1200 EUR netto verdient, der bekommt für relativ wenig Leistung relativ viel Geld

    Die Verantwortung für die Sicherheit, die Mobilität und z.T. die Gesundheit der Kunden zu übernehmen, ist durchaus ein Grund für eine angemessene Bezahlung, die über die bloße Dienstleistung hinausgeht.

    Nein, ich empfinde “Bus fahren” nicht als minderwerige Arbeit – aber eben auch nicht als hochqualifizierte Arbeit. Wer “nur” Bus fährt, ist leicht ersetzbar, Bus fahren können viele, und wer leicht ersetzbar ist, ist billig.

    Längst nicht jede Arbeit im öffentlichen Dienst ist niedrig qualifiziert – im Gegenteil. Und auch einen Busführerschein muß man erst einmal machen.

    Dass solche Menschen weit über dem Arbeitsmarktpreis bezahlt werden, ist ein Aspekt des Konstrukts öffentlicher Dienst.

    Ein Lokführer im Niedriglohnbereich verdient ca. 300 EUR mehr als der beispielhafte Busfahrer. Einen weiteren Kommentar dazu verkneife ich mir jetzt mal, weil ich Dir ggf. eine Frechheit unterstellen würde, die in Deiner Aussage gar nicht drin steckt.

  16. Mathis
    6. März 2008, 22:06

    Zum Streik wurde schon viel gesagt, deshalb versuche ich mich mal off-topic: Ich hoffe, die tollen Frauen finden nie heraus, dass du den Film als noch toller bezeichnet hast …

  17. ruhrpottjunge
    7. März 2008, 10:27

    @Oilver Ding

    Erstmal „Danke“ für den Verzicht darauf, mir Frechheit zu unterstellen ;-)

    Ich vollziehe Deine Aussagen nach, habe aber dennoch eine andere Sicht auf die Dinge: Busfahrer, ein verantwortungsvoller Beruf. Busfahrer, gar nicht so einfach. Das mag alles stimmen. Aber es gibt so etwas wie einen Arbeitsmarkt, mit Angebot und Nachfrage. Da werden die Preise, in diesem Fall die Preise von menschlicher Arbeit, gemacht. Nicht irgendwo in der „Gerechte-Löhne- Findungskommission. Zum Glück nicht da.

    Die Tatsache, dass sich die Busfahrer (um ein Beispiel zu bringen) so vehement gegen eine Privatisierung des ÖPNV sträuben ist doch, dass sie wissen, dass sie über Marktpreis verdienen. Würden sie wirklich zu wenig verdienen, müssten sie eine Privatisierung herbeisehnen.

    Das mag dem einen oder anderen zu liberal gedacht sein. „Frech“ ist es auf jeden Fall nicht.

  18. ghling
    7. März 2008, 10:31

    Sozusagen als „Disclaimer“ will ich zuerst erwähnen, dass ich im öffentlichen Dienst tätig bin und deswegen meine Meinung nicht unparteiisch sein kann.
    Das Problem bei jedem Streik der ÖD ist einfach, dass es leider immer gleich den Bürger trifft. Die schon genannten Metallarbeiter können ihren Betrieb lahm legen und dadurch Druck erzeugen. Aber wie sieht das z.B. bei Verwaltungsfachangestellten aus? Hier gibt es keinen Betrieb, den sie lahmlegen können ohne Auswirkungen auf den Bürger in Kauf zu nehmen. Wenn das so einfach wäre wie in anderen Branchen, würde man sicherlich diesen Weg gehen und nicht riskieren, sich so unbeliebt zu machen.

    Zu dem Thema Generalstreik fällt mir mal wieder eines meiner Lieblingszitat ein, auch wenn diese schon etwas älter ist:
    „In Deutschland wird es keine Revolution geben, weil man dazu den Rasen betreten müsste.“ (Josef Stalin)

  19. Stitch
    7. März 2008, 10:51

    For the record: In Deutschland hat es vor gar nicht allzu langer Zeit erst eine Revolution gegeben, eine friedliche zudem. Ein Rasen musste dazu gar nicht betreten werden und am Ende fiel eine Mauer.

    Das Problem bei jedem Streik der ÖD ist einfach, dass es leider immer gleich den Bürger trifft.

    Und übt damit doppelten Druck aus, einmal direkt (denn natürlich wird durch einen Streik im öffentlichen Dienst auch ein Betrieb lahmgelegt) und einmal indirekt über die betroffenen Bürger (die dann zum Beispiel wie ich statt 40 Minuten gute 2 Stunden ins Büro brauchen), die diesen Druck dann in Form von öffentlicher Meinung an die Politik weitergeben. Hinzu kommt die mehrheitliche Haltung, dass Löhne hierzulande per se ungerecht verteilt seien und eine Erhöhung der Gehälter grundsätzlich erstmal für gutgeheissen wird, würde man selber für sich ja auch wollen. Dass höhere Löhne nun mal auch mit Produktivitätssteigerungen einhergehen müssen, interessiert dabei nicht, nicht zuletzt auch, weil das Wissen über volkswirtschaftliche Zusammenhänge hierzulande erschreckend schlecht ist (ich nehme mich da selbst gar nicht aus). All dessen ist sich VerDi voll bewusst und nutzt es weidlich aus.

  20. ruhrpottjunge
    7. März 2008, 11:29

    Es stimmt: Das Wirtschaftswissen der Deutschen ist so schlecht, wie es nur sein könnte. Es gibt zwei Positionen: Die einen „gönnen“ den Streikenden höhere Löhne, weil sie ja selbst auch gerne mehr verdienen möchten. Als ginge es bei Löhnen ums Gönnen… Die anderen denken einen Schritt weiter und wissen, dass sie am Ende die höheren Löhne bezahlen werden: Die missgönnen den Streikenden die höheren Löhne. Als ginge es…

    Wirkliche Produktivität, wirkliche Innovation, wirkliche Standortsicherung findet in Deutschland hingegen meist in kleinen Unternehmen statt: fernab von Tarifverträgen, ohne Streiks. Ich sähe es beispielsweise nicht ein, dass mein Praktikant morgens zu spät kommt, weil der Busfahrer, der weniger kann als der Praktikant aber mehr bekommt als ich dem Praktikanten je zahlen könnte, sich unterbezahlt fühlt.

  21. Stitch
    7. März 2008, 12:49

    Auf dem nächsten Kriegsschauplatz Bahn./.GDL wird das oben gesagte übrigens gar nicht mehr in Abrede gestellt sondern seit längerem offen ausgesprochen: „Wir können Arbeitskämpfe länger durchhalten, als Deutschland sie vertragen kann“ wird Schell da (wieder) von SpOn zitiert. Das ist keine Drohung gegen den Arbeitgeber und Konfliktgegner Bahn sondern ganz klar eine gegen…eben: Deutschland.

    Dazu kommt noch, dass, wie im selben Artikel zu lesen ist, in Berlin, wo der nicht von der Bahn durchgeführte Nahverkehr seit Tagen bestreikt wird, keine Ausnahme gemacht werden soll und ab Montag quasi gar nichts mehr fährt. Wenn das keine Erpressung ist weiss ich auch nicht mehr, was noch eine sein soll…

  22. Lukas
    7. März 2008, 13:14

    Das ist keine Drohung gegen den Arbeitgeber und Konfliktgegner Bahn sondern ganz klar eine gegen…eben: Deutschland.

    Dann werden Schäuble und Jung sicher heute Abend in der „Tagesschau“ mal wieder den Einsatz der Bundeswehr im Inneren fordern.

  23. OliverDing
    7. März 2008, 16:26

    Man könnte natürlich auch die Verlegung von Schäuble nach Afghanistan fordern. Da wird der öffentliche Dienst deutscher Bürger ja nicht bestreikt, sondern höchstens mal beschossen. Aber so etwas würden wir ja nicht wollen, oder?

  24. RA
    8. März 2008, 0:52

    Lars schrieb: „Dem Klimaschutz tut das bestimmt auch gut… ;)“

    Ja, stimmt. Wenn der öffentliche Nahverkehr komplett zum Stillstand kommt, fahren sicherlich auch weniger mit dem Auto, als sonst… ;)

  25. OliverDing
    8. März 2008, 14:07

    Wenn der öffentliche Nahverkehr komplett zum Stillstand kommt, fahren sicherlich auch weniger mit dem Auto, als sonst… ;)

    Eben. Deswegen gehen ja auch die Spritpreise derzeit so in den Keller.

  26. Jens
    8. März 2008, 17:32

    Mal ’ne Frage:

    Wie würdet Ihr Produktivitätssteigerung messen wollen?

  27. Stitch
    9. März 2008, 22:43

    Produktivität ist volkswirtschaftlich definiert als das Verhältnis von Ausbringungsmenge zu Einsatzmenge. Eine Steigerung der Produktivität wird also logischerweise bewirkt durch eine Erhöhung der Ausbringungsmenge, eine Senkung der Einsatzmenge oder eine Mischung aus beidem.

  28. Oliver Ding
    10. März 2008, 17:51

    Soll das heißen, daß nur der Busfahrer produktiv ist, bei dem mehr Leute aussteigen als eingestiegen sind? Das wäre mir dann doch mind. eine Busspur zu verquer gedacht.

  29. Jens
    10. März 2008, 18:34

    @Stitch:
    Das heißt also, dass z.B. eine Krankenschwester die morgens mehr Patienten das Frühstück bringt bzw. nachts die Nachtwache über mehr Stationen hat, mehr Geld bekommen sollte?

  30. Lukas
    10. März 2008, 19:35

    Ihr Scherzkekse. Wer nichts produziert, muss natürlich mehr bzw. länger arbeiten, damit eine Produktivitätssteigerung eintritt.

  31. OliverDing
    10. März 2008, 22:41

    Wie produktiv sind denn glutenfreie Schokoladenkekse verglichen mit Streuselkuchen?