Bundesblinden Song Contest
Von Lukas Heinser am Freitag, 15. Februar 2008 13:18
Kategorie: Digital Ist Besser, TV On The Radio
Eigentlich wollte ich gar nichts über den “Bundesvision Song Contest” schreiben. Der Popkulturjunkie hat ein ganz wunderbares Liveblog geführt, in dem er unter anderem die beste und wahrste Einschätzung zu den Sportfreunden Stiller ablieferte, die ich seit langem gelesen habe:
Es ist ja ein bisschen schade, aber ich finde, die Sportfreunde sollten sich auflösen. Oder nur noch live spielen ohne neue Songs aufzunehmen. Die Band dreht sich seit Jahren im Kreis, keine einzige neue Idee. Auch wenn sie sympathisch sind und eine großartige Liveband und überhaupt. Aber das hier ist ja wohl unglaublich mittelmäßig.
Aber darum soll es gar nicht gehen: Der Popkulturjunkie ist auch ein Statistikfreak und hat deshalb gleich gestern noch ein wenig rumgerechnet:
Platz 1: Brandenburg, Platz 2: Thüringen, Platz 3: Sachsen-Anhalt, Platz 5: Mecklenburg-Vorpommern. Aber um die eventuellen Ost-Verschwörungstheorien gleich mal zu entkräften: Ohne die fünf später hinzugekommenen Länder hätte die Reihenfolge auf Platz 1 und 2 genauso ausgesehen, nur Platz 3 wäre an Niedersachsen gegangen.
Das darf man natürlich nicht ganz wörtlich nehmen, denn ohne die “neuen Bundesländer” wäre ja weder Brandenburg noch Thüringen dabei dabeigewesen. Aber das ist Haarspalterei, denn auf die Punkte aus den neuen Bundesländern kam es bei den beiden Erstplatzierten nicht an, wie er heute in einem weiteren Beitrag vorrechnet:
Tatsächliches Ergebnis:
01 Brandenburg: Subway to Sally – “auf kiel” (147 Punkte)
02 Thüringen: Clueso – “keinen zentimeter” (146)
03 Sachsen-Anhalt: Down Below – “sand in meiner hand” (96)
04 Niedersachsen: Madsen – “nachtbaden” (94)
05 Mecklenberg-Vorp.: Jennifer Rostock – “kopf oder zahl” (79)
06 Schleswig Holstein: Panik – “was würdest du tun?” (75)Ergebnis ohne Wertungen aus den “neuen Bundesländern”:
01 Brandenburg: Subway to Sally – “auf kiel” (99 Punkte)
02 Thüringen: Clueso – “keinen zentimeter” (96)
03 Niedersachsen: Madsen – “nachtbaden” (67)
04 Sachsen-Anhalt: Down Below – “sand in meiner hand” (56)
05 Schleswig Holstein: Panik – “was würdest du tun?” (54)
…
09 Mecklenberg-Vorp.: Jennifer Rostock – “kopf oder zahl” (41)
“Wo kämen wir hin, wenn wir uns von Fakten eine schöne, voreingenommene Berichterstattung kaputt machen ließen?”, wird sich Sebastian Wieschowski gedacht haben, als er seinen launigen schlecht gelaunten Artikel für “Spiegel Online” schrieb:
In dieser Nacht war Deutschland keine Bundesrepublik – sondern ein irrwitziger Haufen aus 16 Kleinstaaten, die sich bekämpfen, peinliche Allianzen gegeneinander schmieden. Ergebnis: Der Osten putscht sich zum Sieg bei Stefan Raabs “Bundesvision Song Contest”.
heißt es schon im Vorspann und eigentlich hat man da ja schon keinen Bock mehr zu lesen. “16 Kleinstaaten”, wo erlebt man sowas schon – außer im Bundesrat, der Schulpolitik oder der Radiolandschaft?
Und als wäre das Gerede von der “Ostblock-Mafia” beim Grand Prix nicht hinreichend widerlegt, poltert Wieschowski weiter:
Und was ehemalige Ostblockrepubliken beim echten Grand Prix schaffen, ist für die neuen Bundesländer eine leichte Übung – die statten nämlich mit Liebe ihre Nachbarn punktemäßig aus. Brandenburg schiebt sieben Punkte nach Mecklenburg-Vorpommern, acht nach Berlin, zehn nach Thüringen und zwölf in die eigene Tasche.
Auf die Idee, dass die Leute Clueso (Thüringen) und Subway To Sally (Brandenburg) einfach gut fanden, und die beiden Acts deshalb auch nahezu durchgehend 8 bzw. 10 Punkte aus allen Bundesländern bekamen, ist der Autor offenbar gar nicht erst gekommen. Auch nicht darauf, dass es in der Summe exakt keine Auswirkungen hat, wenn sich jeder seine zwölf Punkte selbst zuschiebt. Einzig NRW hat es mal wieder nicht geschafft, sich selbst die zwölf Punkte zu geben, was zwar dafür gesorgt hat, dass Clueso am Ende nur einen Punkt Rückstand auf Subway To Sally hatte, aber letztlich weder entscheidend war,, was zwar letztlich entscheidend war (Korrektur von 19:30 Uhr), aber kaum als “Ostkungelei” angesehen werden kann.
Aber man kann das natürlich auch dramatischer formulieren:
Die deutschlandweit gültige Faustregel lautet: In erster Linie liebt man sich selbst.
Kein Wort zum grandiosen Scheitern der Top-Favoriten Sportfreunde Stiller (Bayern) und Culcha Candela (Berlin), nichts darüber, dass der “Bundesvision Song Contest” und “TV Total” so ziemlich die letzten Sendungen im deutschen Fernsehen sind, an denen man solche Bands überhaupt noch sehen und live hören kann, seit Sarah Kuttners Sendung vor anderthalb Jahren eingestellt wurde.
Stattdessen gerüttelter Unfug wie:
Deutschland, einig Vaterland, das war gestern – es lebe die wiedergeborene Kleinstaaterei. Und schuld ist Stefan Raab.
Ach, und der Eurovisions-Wettbewerb ist dann ein Angriff auf das vereinte Europa oder was will uns der Autor damit sagen?
Schön natürlich auch, dass selbst so verabscheuungswürdige Ereignisse wie so ein “Song Contest” für “Spiegel Online” immer noch gut genug sind, mit klick-generierenden Bildergalerien gewürdigt zu werden.
Die Begleittexte dazu sind mal sinnlos
Sieger beim vierten Bundesvision Song Contest – obwohl sie schon seit 15 Jahren Musik machen: Mittelalter-Folkrocker Subway to Sally aus Brandenburg
mal falsch
Berliner Buben: Culcha Candela wollten den letztjährigen Erfolg von Seeed wiederholen – und scheiterten am Mittelalter-Folk ihrer Nachbarn.
Ja, Leute, wenn Seeed letztes Jahr gewonnen hätten, warum fand der Wettbewerb dieses Jahr dann in Niedersachsen statt? Vielleicht, weil die Vorjahressieger Oomph! hießen?
Ich sollte “Spiegel Online” endlich mal aus dem Feedreader schmeißen …
Nachtrag 13:29 Uhr: … und sueddeutsche.de gleich mit:
Einen gut vorbereiteten Eindruck machten die Niedersachsen, bestehend aus der dreiköpfigen Rock-Band Madsen, [...] Auch dem Beitrag von Rheinland Pfalz – dargeboten von der Girlie-Gruppe Sisters – fehlte es an effektvollen Einfällen oder stimmlicher Qualität.
(Madsen sind zu fünft, Sisters für Nordrhein-Westfalen.)
Freitag, 15. Februar 2008 14:03
man darf Spiegel online doch nicht einfach so verdammen…
Klar sind sie als Nachrichtenquelle fast schon so schlimm wie Blind (oder wie auch immer dieses Klatschblatt nochmal hies) aber dafür sind sie inzwischen vom Standpunkt des Humors beinahe schon beim MAD-Magazin angekommen.
Und das, das muss man an dieser Stelle mal wieder betonen, ohne auch nur die Absicht zu haben, Satire zu schreiben. :D
Freitag, 15. Februar 2008 14:04
das dass -.- ich hoffe das liest kein Deutschlehrer…
Freitag, 15. Februar 2008 14:27
Danke, alles mal wieder wunderbar auf den Punkt gebracht. In Nachbetrachtungen zu Fernsehsendungen sowie Kinofilmen versagt SpOn grundsätzlich, einmal auf der faktischen Ebene und sowie auf meist nicht nachzuvollziehenden subjektiven Eindrücken. Darauf achte ich verstärkt, seit sie die Verfilmung von Catwoman gefeiert haben :-)
Aber die finden ja auch Matthias Opdenhövel blöd…
Freitag, 15. Februar 2008 16:19
Spieglein, Spieglein an der Wand…
Anlässlich der insgesamt eher unsinnigen Berichterstattung über Raabs Hitparade regt sich Lukas bei Coffee and TV zu recht über SPIEGEL ONLINE auf:
“Wo kämen wir hin, wenn wir uns von Fakten eine schöne, voreingenommene Berichterstattung kaputt…
Freitag, 15. Februar 2008 16:53
Mir hat der diesjährige Bundesvision Song Contest zwar auch nicht gefallen – vielleicht bin ich einfach schon zu alt für “moderne” Musik – aber so ein Blödsinn, wie in dem Spiegelartikel, habe ich schon lange nicht mehr gelesen.
Vielen Dank für die Aufbereitung.
Freitag, 15. Februar 2008 16:54
Ach, und Opdenhövel war zwar in “Hast Du Töne…?” (das hieß doch so, oder?) noch besser, aber ist an einem schlechten Tag mit ohne Stimme wg. Erkältung noch wesentlich besser als Gottschalk an einem guten Tag.
Freitag, 15. Februar 2008 17:05
Auch von mir vielen Dank für die Aufbereitung! Habe auch nur kopfschüttelnd vor dem Rechner gesessen, als den Artikel gelesen hatte. Die BuViSoCo ist zwar keine übermäßig hochklassige Veranstaltung, aber eine derartig unsinnige Berichterstattung hat er nun wahrlich nicht verdient.
Vor allem diese dämliche Diskussion über die Verbrüderung von Nachbarstaaten, die mir schon im Rahmen des europäischen Vorbilds tierisch auf den Senkel gegangen ist, greift hier wirklich völlig ins Leere – wie Du ja schon aufgezeigt hast.
Abgesehen davon, war es dennoch interessant zu sehen, wie die Stimmung in der Halle nach der Bekanntgabe des Siegers irgendwie beinahe eiskalt geworden ist.
Da merkte man doch, dass das Duell “massenkompatibel” vs. “perfekt mobilisierte Fanbase” lautete. Kann mir zumindest nicht vorstellen, dass Subway to Sally eine breitere Akzeptanz in der Zuschauerschaft genossen hat, als Clueso. Sie haben es lediglich geschafft, ihre Anhängerschaft gut zu mobilisieren. (In dem Zusammenhang würden mich auch mal die Gesamtanruferzahlen interessieren)
Samstag, 16. Februar 2008 0:17
Mir – als jemandem, der gern privat öfters Subway to Sally hört – hat der gestrige Ausgang natürlich gefallen, wobei die meines Erachtens nicht wirklich die beste Show und den besten Song lieferten. Was mir viel besser gefallen hat war die tatsache, das viele der vermeintlichen Newcomer weit besser rübergekommen sind als die Favoriten. Mir gefällt das “rebellische” daran. “In” muss eben nicht sein, was mal ein paar Wochen oben in den Charts war.