Kunst im Alltag: Roland Koch “Ohne Titel I”
Von Lukas Heinser am Montag, 21. Januar 2008 15:50
Kategorie: My Culture
Ypsilanti, al-Wazir
und die Kommunisten stoppen!
Mit diesem, auf den ersten Blick schlichten Zweizeiler hat sich der bisher unbedeutende Nachwuchsliterat Roland Koch vergangene Woche in den Olymp der Politlyrik katapultiert.
Die erste Zeile besteht aus einem seltenen Paion (mit Betonung auf der dritten Silbe) und einem Anapäst und klingt daher schon allein durch ihr Versmaß exotisch. Diese Wirkung unterstreicht der Dichter mit der Verwendung zweier Familiennamen aus dem südöstlichen Mittelmeerraum und dem Gebiet der arabischen Halbinsel.
Der Name “Ypsilanti” stammt aus dem Griechisch-Phanariotischen und bezeichnete schon griechische Nationalhelden des 19. Jahrhunderts. Sein Klang erinnert an den vorletzten Buchstaben des lateinischen Alphabets, der erst im zweiten vorchristlichen Jahrhundert aus dem Griechischen übernommen wurde und hier für etwas Unfertiges, Unbedeutendes steht. Der Name “al-Wazir” leitet sich ab vom persischen “wazir” und bezeichnet ab dem 10. Jahrhundert den mächtigsten Mann in einem Kalifenstaat – die deutsche Schreibweise ist “Wesir”. Mit nur sieben Silben gelingt es Koch so, eine Brücke über Vorderasien in den Orient zu schlagen.
Die zweite Zeile beginnt mit einem Jambus, der auf eine deutlich geordnetere Struktur hindeutet, überrascht dann aber mit einem weiteren Paion und einem Trochäus. Der in der ersten Zeile gemachte Ausflug in fremde Länder wird nicht weiter ausgeführt – man erfährt nicht, welche Aufgaben die derart herbeizitierten Entscheidungsträger fremder Hochkulturen für den weiteren Verlauf des Gedichts haben. Koch beendet die Aufzählung mit dem deutlich unpersönlicheren Begriff “Kommunisten”, der durch den Zeilenumbruch und die Verwendung der Konjunktion “und” und des Artikels “die” zusätzlich deutlich von den ersten beiden Begriffen abgegrenzt ist. Statt einer Handlung innerhalb des Gedichts endet es mit einem Imperativ, das Ausrufezeichen unterstreicht den appellativen Charakter des Zweizeilers.
Koch gelingt es, diese sechs Worte mit einer immensen Bedeutung aufzuladen. In einem fast flehentlichen Ton fordert der nicht näher spezifizierte Sprecher einen unbekannten Adressaten zu einer Handlung (“Stoppen”) auf, während er selbst weder aktiv noch passiv in Erscheinung tritt. “Gestoppt” werden sollen die durch die Namen repräsentierten (vorder-)orientalischen Hochkulturen (wobei der Verweis auf Griechenland auch für die Antike und die Wiederaufnahme ihrer Ideale in der Aufklärung stehen kann) und “die Kommunisten”, die einen überraschenden politischen Aspekt in das Gedicht bringen. Betrachtet man diese doch recht unterschiedlichen Gruppierungen und die Werte, für die sie stehen, und ihre offensichtliche Opposition zum Sprecher, so wird klar, dass dieser ein christlich-konservatives, möglicherweise anti-aufklärerisches Weltbild vertreten soll. Das ungewöhnliche, allen ästhetischen Regeln widersprechende Versmaß und der fehlende Reim spiegeln die innere Aufruhr des Sprechers wieder, die weibliche Kadenz am Ende der zweiten Zeile drückt seine Resignation aus. Zwar fehlen wesentliche Informationen, da das Hauptgeschehen außerhalb des Gedichts stattzufinden scheint, aber die Intention des Werks wird klar: es steht in der Tradition großer mittelalterlicher Kampf- und Spottschriften und muss wie diese unabhängig von der politischen Intention für seine literarischen Qualitäten wertgeschätzt werden.
Roland Koch ist ein ausdrucksstarkes Gedicht voller Brisanz gelungen, das gleichzeitig sehr vielschichtig ist und doch keine klare Aussage trifft. Es ist dem Dichter zu wünschen, dass er in Zukunft noch mehr Zeit für seine lyrischen Arbeiten finden wird.
Montag, 21. Januar 2008 15:57
Eine sehr gelungene Rezension. Man ahnt oft nicht, welch feinsinnige Schöngeister sich doch unter den Politikern verbergen.
Montag, 21. Januar 2008 23:48
in der tat eine sehr schöne exegese!
allerdings komme ich nicht umhin, dir den zahn zu ziehen, dass der “wazir” aus dem persischen (was ja (also altpersisch, gewissermaßen das original also) tatsächlich der indogermanischen sprachfamilie angehört) stamme – der fremdwortduden nennt vielmehr das arabische als ursprung, von wo aus es über das türkische… der ganze rest bleibt davon ja unbenommen: himmelsrichtung und alles!
(heutzutage übersetzt man “al-wazir” im übrigen mit “minister”, was für einen oppositionskandidaten ohne zweifel immer noch ganz schön dreist ist – vielleicht erklärt das ja auch die konstatierte Erregung des lyrischen ichs, welches in diesem falle mit dem autor identisch zu sein scheint)
nun zu den kommunisten: die kommen ja erstens aus dem osten und sind zweitens rot (so rot wie das blut der arbeiterklasse). zusammen mit der verortung der beiden protagonisten aus der ersten zeile im östlichen mittelmeer/nahen osten offenbart der blick auf die maßgebliche weltkarte die massive ballung der gegnerischen kräfte in ebenjener himmelsrichtung – parallelen zu einfallenden hunnenhorden drängen sich hier unweigerlich auf. auffällig ist, dass das lyrische ich in dem gedicht gar nicht selbst in aktion tritt: ist hier selbst der heilige boden des eigenen gedichts für den autor schon zu einer no-go-area geworden? man bedenke hier erneut die aufällige kürze des gedichts – womöglich war die lage zum zeitpunkt der entstehung bereits dramatischst zugespitzt… (parallelen zu durchhalteparolen sind in der tat objektiv nicht zu leugnen; siehe auch “resignation”)
aber auch auf die prächtig schimmernde farbsymbolik sollte kurz eingegangen werden – das bluttriefende kommunistenrot wurde bereits erwähnt, hinzu gesellt sich unheilsmenetekelnderweise auch noch das aus diversen videobotschaften bekannte fundamentalistengrün. nun kann man überraschend – und hier offenbart sich erneut die qualität des vermeintlich unscheinbaren zweizeilers – sogar das zivile bild der ampel bemühen, die zugleich rot, rot UND grün leuchtet: es herrscht das blanke chaos. (und was passiert, wenn man rot und grün mischt… hat der herr wazir einen bart? obacht ist angebracht!)
das prophezeite chaos gibt mir nun endlich die möglichkeit, per h.g.stengel auszusteigen:
“wählst du grün oder die rosaroten
bist du komplize der chaoten!
denn gegen mörder, diebe, räuber
hilft nur einer: [...]“
Dienstag, 22. Januar 2008 0:32
Zum Ursprung des Namens: Ich habe mich da dreisterweise auf die Wikipedia verlassen. Dass ein Oppositionspolitiker (und Politologe) quasi “Minister” heißt, finde ich toll.
Bei Kommunisten muss ich immer an Wuppertal denken. Ansonsten ist Ihre Fortführung der Interpretation sehr gelungen.