Über Listen

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 5. Dezember 2007 13:38
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Jedes Jahr im Dezember ist es das gleiche Elend: Musikzeitschriften und Webseiten-Betreiber rufen ihre Leser zum Einsenden derer persönlichen Jahreshitparaden auf und ich sitze mit zerwühlten Haaren und wirrem Blick vor meinem Computer und einem Berg von Notizen und versuche, Ordnung in das Musikjahr zu bringen.

Denke ich während des Jahres immer, es seien ja diesmal nicht soooo viele gute Songs und Alben erschienen, zwischen denen ich mich entscheiden müsse, wird diese Einschätzung spätestens beim Anblick der extra dafür angelegten iTunes-Playlist bzw. der eigenen Statistik bei last.fm zunichte gemacht. Immerhin weiß ich jetzt, welche Songs ich am häufigsten gehört habe – aber waren das auch die besten? Und wie definiere ich “die besten”? Nach pseudo-objektiven Kriterien oder danach, wie viel Spaß ich beim Hören habe? Würde ich einfach meinen häufigsten und penetrantesten Ohrwurm zum “Song des Jahres” ernennen, wäre das “Umbrella” von Rihanna – aber auch nur, weil “Durch den Monsun” von Tokio Hotel, der mir nach den EMAs drei Wochen lang im Hirn klebte, schon zwei Jahre alt ist.

Dabei trägt es nicht gerade zur schnellen Findung bei, wenn der eigene Musikgeschmack immer eklektischer wird und sich auf der Longlist munter Indierockbands, Girlgroups, Hip-Hopper, Mainstream-Popper, Deutschpunks und Elektroniker tummeln. Denn, mal im Ernst: Wie soll ich “Love Me Or Hate Me” mit “Don’t Stop Now” vergleichen, wie “D.A.N.C.E.” mit “Imitationen”?

Nun wird der Außenstehende vielleicht denken: “Warum tut sich dieser junge Mann das an? Warum verschwendet er seine Zeit mit so unbedeutsamen Überlegungen? Er soll lieber was gegen den Treibhauseffekt tun oder der CDU die Herdprämie ausreden!” Das Erstellen persönlicher Bestenlisten nimmt sich gegen das Elend in Darfur oder auch nur das vor der eigenen Haustür natürlich lächerlich und klein aus, aber in diesen Dimensionen denken Popkulturfans nicht. Und selbst wenn: Es würde kaum etwas ändern.

Wer “High Fidelity” gelesen und sich darin wiedergefunden hat, ist von einem inneren Zwang getrieben, das Unsortierbare sortieren zu wollen und die große Unordnung, die Rock’n'Roll nun mal ist, in geordnete Bahnen lenken zu müssen. Dabei müssen auch so verschiedene Dimensionen wie der Song, bei dem man das erste Mal ein Mädchen geküsst hat, und das Lied, das man als erstes gehört hat, als Elliott Smith sich umgebracht hat, irgendwie miteinander verglichen werden können.

Genau diesem Dilemma bin ich jetzt ausgesetzt. Aber ich kann Ihnen versichern: Sie werden es auch noch!

PS: Da ich keine passende Stelle in diesem Eintrag gefunden habe, wo ich den wunderbaren jüngsten Beitrag in Philipp Holsteins Popkulturblog bei “RP Online” hätte verlinken können, mache ich es einfach gesondert hier.

4 Kommentare

  1. 1

    Lukas83 ist ja mal ein arg kreativer Benutzername :-D

  2. 2

    Achja, jedes Mal wieder eine Graus, solche Jahresabschlusslisten erstellen zu müssen.
    Vor zwei Jahren habe ich sogar versuch, eine solche Toplist mit der Erstellung eines Samplers (1 Song pro Band, D-Release aus dem Jahr, max. 70-80 min) zu verknüpfen, was recht zufriedenstellend funktioniert hat. Mal schauen, ob ich das dieses Jahr mal wieder schaffe, nachdem es im vergangenen Jahr aus Zeitgründen nicht klappte…

  3. 3

    Hm, Last.fm gibt nur eine Pseudo-Wahrheit wieder, denn nicht alle Musik, die gehört wurde, taucht dort auf. Was ist z.B. mit CD-Player, mp3-Player, Handy, Radio, …
    Aber ich mache es mir auch leicht und berufe mich nur auf die unbestechlichen Last.fm-Charts :-)

  4. 4

    Apropos “Love me or hate me”: Ist Lady Sovereign eigentlich ein reines Insel-Phänomen? Oder gabs da auch ne Hype-Welle hier in Deutschland von der ich nix mitgekriegt habe?
    Bin erst vor kurzem auf sie aufmerksam geworden und hörs jetzt rauf und runter, wunder mich nur das ich vorher noch nie was von ihr gehört hatte…

  5. 5

    Popbloggen mit der RP Online…

    Lukas empfiehlt drüben bei Coffe And TV das popkulturelle Blog aus dem Kosmos der Rheinischen Post. Liest sich gut soweit, wirklich – Auch wenn man sagen sollte, dass die Idee, die dem Portrait-Photo zugrunde liegt, eher dämlich zu…

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