Ein Wochenstart nach Maß

Von Lukas Heinser am Montag, 3. Dezember 2007 14:54
Kategorie: Social Distortion, Somebody Told Me

Die gute Nachricht des Tages: Deutschland ist dem Untergang geweiht. Schon in wenigen Jahren wird es in diesem Land keine intellektuelle Elite mehr geben. Wie ich darauf komme? Nun, wenn nicht einmal die Studenten einer Beinahe-Elite-Uni über einfachste geistige Fähigkeiten verfügen, kann das mit dem Bildungsbürgertum ja nichts mehr werden.

Heute morgen habe ich über 30 Minuten an der Stadtbahn-Haltestelle verbracht. Alle Züge, die einfuhren und mich zur Universität (zwei Stopps entfernt) hätten bringen sollen, waren voll. Nein, Verzeihung: “voll”. Denn das pendelnde Pack, das am Hauptbahnhof in die Stadtbahn einsteigt, postiert sich immer so vor den Türen, dass ein Einstieg im weiteren Streckenverlauf unmöglich ist. Dabei wäre in den Zügen durchaus noch Platz, wenn die Menschen beim Einsteigen nur mal den gesamten Raum ausnutzen würden. Die Angst, dann an der Uni nicht aussteigen zu können, ist vollkommen unbegründet: um Viertel vor zehn fahren nur Studenten Bahn.

Natürlich trägt der örtliche Nahverkehrsanbieter eine Mitschuld an der Misere, denn seine Züge mit Vierersitzgruppen mögen außerhalb der Stoßzeiten gemütlich sein, zur rush hour allerdings wären Wagen mit Bänken an den Außenwänden, wie man sie teilweise in Berlin findet, hilfreicher. Die Menschen hätten von vorneherein keine Abstandszonen um sich herum und würden sich viel bereitwilliger aneinanderdrängeln.

Als ich es schließlich in den fünften einfahrenden Zug schaffte, kreisten meine Gedanken bereits um qualmende Zugtrümmer und “American Psycho”. Dann wurde ich mit hässlichen Menschen, die billige Jacken trugen und viel zu laut schlechte Musik hörten, in eine Stadtbahn gesperrt. Zwei Ischen, die mehr Stuck im Gesicht hatten als man für die Deckensanierung einer Jugendstilvilla bräuchte, standen alleine im Mittelgang. Eine jede von ihnen hätte genug Raum gehabt, auf dem Fußboden ein viktorianisches Picknick zu veranstalten. In den Freiraum drängeln konnte ich mich freilich nicht, dafür war der Pfropfen dummer Menschen, der den Eingangsbereich verstopfte, zu dicht. Ich beschloss, mich näher mit den Lehren des Zen zu beschäftigen und merkte, wie mein Geist meinen Körper verließ.

Als die Bahn an der Uni-Haltestelle einfuhr, stieg er als erstes aus und stapfte mit dumpfem Schritt die Treppen hinauf. Sein Unterkiefer schob sich mahlend nach vorne und aus seinen Nasenlöchern stiegen kleine Rauchwölkchen. Seine Arme hatte er angespannt, seine Schultern wirkten doppelt so breit wie sonst. Der eiskalte Wind trieb ihm Tränen in die zusammengekniffenen Augen, aber er stapfte unaufhörlich weiter. Jeder, der sich ihm in den Weg gestellt hätte, wäre ohne weiteres Zutun zu Staub zerfallen. Mit jedem Schritt lösten seine Füße kleine Druckwellen auf dem Pflaster aus, die Erschütterungen waren noch in zwei Kilometern Tiefe zu spüren. Da fing es an zu Regnen.

Als er das Hörsaalzentrum betrat, kippte er seinen Kopf zurück und ließ seinen Nacken knacken. Er atmete tief durch. Die Vorlesung lief bereits seit zehn Minuten, der Hörsaal war halb leer. Die Studenten hatten alle Plätze am Rand der Sitzreihen besetzt.

10 Kommentare

  1. 1

    Tja, drum fahren die Studenten in Münster Rad.

    Sehr schön, vor allem der letzte Satz!

  2. 2

    Warum dann nicht mal den Mund aufmachen? In Hamburg gibt es dieses Problem (Vierersitzgruppen und alle bleiben vor den Türen stehen) auch. Habe aber folgende Erfahrung gemacht: “Könnt ihr/Sie bitte ein bisschen durchgehen, damit wir noch rein können” wirkt Wunder. Jedenfalls hier.

  3. 3

    Benjamin von Stuckrad-Barre hatte damals Recht als er sagte, viele Menschen seien unakzeptabel gelaunt und gekleidet. Ich glaube, es hat speziell aber auch mit Bochum zu tun.

  4. 4

    Treefinger, Mund aufmachen hilft leider nur begrenzt, da wird man eher noch ungläubiger angeglotzt als vorher schon ;-)

  5. 5

    Man kann sich ärgern über die kleinen und grossen Dummheiten des Alltags. Man kann das auch in verschiedener Weise äussern – auch in einem Blog. Ich frage nur nach dem Gehalt der geäusserten Kritik, wenn diese mit Verurteilung anderer Menschen aufgrund äusseren Erscheinens verbunden ist. In diesem Sinne hat “hässliche Menschen, die billigen Jacken trugen” den Rest des Blogbeitrags leider diskreditiert. Schade.

  6. 6

    Wäre es denn besser gewesen, wenn schöne Menschen mit teuren Jacken im Weg gestanden und dezent gute Musik gehört hätten? Im Weg wären sie immer noch gewesen.

    Trotzdem war das Verhalten des Bloggenden das imho dümmstmögliche. Anstatt eine halbe Stunde lang rumzustehen, sich zu ärgern und das vergorene Selbstmitleid ganz nach bewährtem Publizistenmotto (“wenigstens kann ich was drüber schreiben”)in Text umzusetzen,hätte man wirklich mal,spätestens bei der dritten verstopften Bahn, etwas energischer vorgehen können (eine mittellaute, möglichst tief gehaltene Stimmlage und ein leicht, aber nicht zu sehr gereizter Tonfall wirken Wunder) oder eben die zwei Stationen auch mit dem Rad fahren können.

  7. 7

    @treefinger: Mein letzter Versuch, die Menschen höflich um ein wenig Bewegung zu bitten, endete mit einer kopfschüttelnden Masse und Blicken, die sonst nur Rentnern vorbehalten sind, die vor der Schule stehende Elternautos dem Ordnungsamt melden.

  8. 8

    Mein letzter Versuch endete mit ein paar dummen Blicken, die mir egal waren und einem bequemen Sitzplatz, von dem aus ich mich ruhig drüber amüsieren konnte, wie der Rest der Unileute unbequem im Fahrtempo hin und her walkte. :-)

  9. 9

    @patrick: Sitzplätze würdest Du in diesen Zügen nicht kriegen, wenn Du eine blinde, schwangere Oma mit nur einem Bein und einem behinderten Hund wärst.

    Ich überlege, nächste Woche mit dem Zug in die Gegenrichtung zu fahren und eine Station hinter (bzw. dann vor) dem Hauptbahnhof in den Zug zur Uni zu steigen. Das sollte ja gehen und auch nicht länger dauern.

  10. 10

    Ich habe mich gestern über den Artikel amüsiert und amüsiere mich heute über die humorlos-politisch-korrekten Belehrungen der Kommenatoren. Meine Güte, “hässlichen Menschen, die billige Jacken trugen und viel zu laut schlechte Musik hörten” das ist do so dermaßen Satire, das ist doch einfach Visualisierung der Stimmung des Protagonisten, das kann man doch nicht als “Verurteilung anderer Menschen” lesen!

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