Ohne Telefon geht’s schon
Von Lukas Heinser am Freitag, 23. November 2007 15:40
Kategorie: Social Distortion
Gestern stand ich in einer vollbesetzten U-Bahn (ich wäre ja auch schön blöd, wenn ich in einer leeren U-Bahn stünde) und war dort gezwungen, in einem Maße am Privatleben eines mir völlig unbekannten Menschen teilzunehmen, dass es mir unangenehm war. Er sei kürzlich umgezogen, erfuhr ich, aber die ganzen Klamotten stünden noch im Wohnzimmer, das auch noch nicht tapeziert sei, aber das komme noch alles. Er wisse noch nicht, was er an Silvester mache, Meike und Kai hätten vorgeschlagen, ein Ferienhaus irgendwo an der Ostsee zu mieten und da “mit alle Mann” hinzufahren, aber er sei sich noch nicht sicher, ob die beiden das wirklich organisieren würden und ob er wirklich mitwolle. Jetzt müsse er aber eh erst mal die Zutaten für ein ordentliches Pilzrisotto kaufen, denn gleich bekäme er noch Besuch.
Der junge Mann erzählte diese Sachen nicht mir, er erzählte sie seinem Mobiltelefon – und damit dem gesamten Zug. Wer derart öffentlich lebt, macht sich natürlich keine Gedanken, wenn der Staat seine Telekommunikationsaktivitäten protokollieren lassen und seinen Computer durchsuchen will, dachte ich. Und dann: Telefonieren ist das neue Rauchen.
Diese steile These liegt weniger darin begründet, dass wohl beides ziemliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann, sondern ist historisch belegbar: Zigaretten waren einst ein Statussymbol, eine Requisite von Luxus und Dekadenz. Irgendwann rauchte dann jeder Müllmann und obwohl Rauchen noch lange gesellschaftlich geachtet war, war der Anschein des luxuriösen schnell verschwunden. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die ersten Ärzte und Rechtsanwälte, die C-Netz-Autotelefone in ihren S-Klassen spazieren fuhren. Mir sind Menschen bekannt, die sich auf dem Parkplatz ihres Golfclubs zu ihren Freunden, die solche Autotelefone besaßen, ins Auto setzten und ihren eigenen Anrufbeantworter anriefen und besprachen, nur damit sie mal mit so einem “verrückten neuen Gerät” telefoniert hatten. (Ähnliches ist vielleicht heute wieder bei diesen unsäglichen iPhones zu beobachten.) Irgendwann aber hatte fast jeder so ein “Handy”, gerade von sozial schwächeren Personen heißt es häufiger, dass sie im Besitz gleich mehrerer Mobiltelefone seien. Im vergangenen Jahr war erstmals der Punkt erreicht, wo jeder Mensch in meinem Bekanntenkreis inklusive meiner Großeltern über ein Mobiltelefon verfügte. Inzwischen habe ich tatsächlich wieder Menschen ohne ein solches Gerät kennengelernt und die ersten Freunde haben (noch Telefonlose) Kinder bekommen, so dass die Quote wieder leicht unter hundert Prozent gesunken ist.
Analog zu den Nichtraucherabteilen in Zügen und -zonen in Restaurants gibt es bereits “Ruhewagen” in den ICEs der Deutschen Bahn, in denen das Telefonieren unerwünscht ist, und man hat bereits von “handyfreien” Gaststätten gehört. An vielen Schulen wurden Zigaretten und Mobiltelefone gar gleichzeitig verboten.
Ich erkenne darin eine eindeutige Tendenz, die über kurz oder lang dazu führen wird, dass dem mobilen Telefonieren überall und zu jeder Zeit eines Tages eine ähnliche Opposition gegenüberstehen wird, wie es sie heute bereits bei den militanten Nichtrauchern gibt. Noch wird lediglich getuschelt, wenn in einem Kunstmuseum ein peinlicher polyphoner Klingelton die Stille durchbricht und sich eine Mittfünfzigerin hektisch mit den Worten “Ja, wir sind schon oben. Kommt Ihr nach?” meldet. Aber noch werden auch Raucher noch nicht überall gesellschaftlich ausgegrenzt. Ich bin zuversichtlich, noch den Tag zu erleben, an dem die Staats- und Regierungschefs dieser Welt den “Vertrag zur Ächtung von Mobiltelefonen im öffentlichen Raum” unterzeichnen.
Ich bin übrigens seit dreieinhalb Jahren im Besitz eines Siemens ME45, das früher einem Freund gehörte, und habe die Prepaid-Nummer eines Verwandten übernommen. Mal davon ab, dass die Akku-Leistung langsam nachlässt, bin ich mit dieser Lösung recht zufrieden.
Freitag, 23. November 2007 15:57
Die “steile These” ist interessant und lässt hoffen. Schon heute ist, wenn ich genau überlege, eine Absetzbewegung vom Handy zu beobachten (ich selbst kokettiere schon damit, dass manch einer sich beklagt ich sei nicht zu erreichen, da mein handy immer aus sei)
Der öffentliche Mensch in deiner U-Bahn wird aber noch überboten von denen an den Tisch-Plätzen im ICE: Notebook auf, riesen Excel-Sheets aufgemacht, auf dem ganzen Tisch Top-Secret-Dokumente verbreitet und diese dann lautstark am Handy durchdiskutiert, dann e-Mails checken, Frau anrufen und Wochenende durchdiskutieren.
Freitag, 23. November 2007 16:09
Seit ich ins ausland gezogen bin und es noch nicht geschaft habe mir ein handy für den markt hier zu kaufen merke ich wie schön das leben ohne handy sein kann: einfach nur schön ruhig! ein traum!
Nachteil: man muss bei verabredungen pünktlich sein. das gute allte “ich-ruf-einfach-an-wenn-ich-da-bin-und-ihr-sagt-mir-wo-ihr-seid” geht leider nicht mehr…
Freitag, 23. November 2007 16:32
Ein schöner Vergleich und sehr passend. Ich habe mich auch lange gegen Handy gewehrt, aber irgendwann erwischt es einen und manchmal ist es ja schon ganz praktisch.
Ich schalte allerdings grundsätzlich mein Handy aus oder auf lautlos, wenn ich zu Hause oder mit Freunden essen bin. Erschütternder Weise wird man regelmäßig angesprochen warum man dies tut….ts, ts…
@Jörg: Die ICE Arbeiter werden leider ermuntert durch die unschöne Eigenheit der Firmen auf Reisezeit keine Rücksicht mehr zu nehmen. Termine und Kunden bzw. Kollegen rufen ungeniert an, solange Handy und UMTS Karte Empfang versprechen, obwohl man eigentlich “auf Termin” ist. Jetzt könnte man natürlich sagen…nix…alles aus ich bin weg….aber….vieles was zwischen zwei Terminen liegenbleibt, muss dann halt auf der Fahrt hin und zurück gemacht werden. Denn nach 40 Wochenstunden Bleistift hinlegen mutet in manchen Firmen wie pure Nostalgie an.
Ob das auf die Dauer so sinnig ist…naja. Zumindest gab es schon eine Studie zur Industriespionage, die Vertriebler als das größte Sicherheitsleck identifiziert hat.
@Residium: “das gute allte “ich-ruf-einfach-an-wenn-ich-da-bin-und-ihr-sagt-mir-wo-ihr-seid” geht leider nicht mehr…”
*Prust* Das gute alte….muss ich meiner Mutter erzählen….;-))))
Freitag, 23. November 2007 17:46
In einer der letzten Folgen von Curb Your Enthusiasm sitzt Larry David allein an einem Tisch im Lokal und am Tisch daneben ein Typ (auch allein) mit nem Headset, der lautstark sein komplettes Leben in den Raum bellt. Larry David fängt darauf an, ganz ohne Handy oder Headset, in gleicher Lautstärke wie der Herr nebenan mit sich selbst zu sprechen, über dies und das, was er morgen so alles vorhabe. Worauf ihn der Headsettelefonierer anguckt und sagt: “Are you a crazy person? Could you please shut up?”
…Fand ich zuerst lustig, dann mußte ich aber lange drüber nachdenken…
Freitag, 23. November 2007 18:33
Der Unterschied zwischen Rauchen und Handys ist der, dass Rauchen (nachweisbar) die Mitmenschen schädigt. Bei Handynutzung ist das zumindestens noch nicht durch Langzeitstudien nachgewiesen.
Freitag, 23. November 2007 18:41
Lukas, ich wage auch eine These: Den Menschen stört weniger das Telefonieren, denn face-to-face-Unterhaltungen muss man im Zug und sonstwo ja auch mitverfolgen.
Es stört doch vielmehr, dass man nur eine Hälfte der Konversation mitbekommt, sich gleichsam ausgegrenzt fühlt von der vollständigen Unterhaltung. Der auditive Voyeurismus (Audieurismus?) wird dabei nur zur Hälfte befriedigt. Und das stört uns.
Kann das sein?
Freitag, 23. November 2007 19:46
@Jens: Die geistigen bzw. seelischen Schäden, die ich erleide, wenn ich anderen Leuten beim Telefonieren zuhören muss, brauchen keine Langzeitstudie!
Freitag, 23. November 2007 20:25
“Die geistigen bzw. seelischen Schäden, die ich erleide, wenn ich anderen Leuten beim Telefonieren zuhören muss, brauchen keine Langzeitstudie!”
Wohl war – ganz besonders schlimm, wenn man mitbekommt, wie sich manch einer artikuliert … DA fange ich bald das Weinen an!
Btw, ich hab seit 2 Jahren das Nokia 3510 meiner Mutter mit meiner Prepaid-Karte. Der Akku hält 1a – ich sehe keinen Grund, eine dieser Eigenschaften zu ändern …
Freitag, 23. November 2007 20:33
Den Trend würde ich durchaus auch sehen. Was aber wirklich zur nervigen Unart geworden ist, ist das laute “Musik” hören mit dem Telefon, das ja durch die tollen Musikhandys sehr gut machbar geworden ist. Das hat letztens zur Mittagszeit in einem Bus sogar derartige Auswüchse gehabt, dass Kiddies BOXEN an ihr Handy angeschlossen hatten…
Wenn diese Kinder dann wenigstens einen guten Musikgeschmack haben würden, dann wäre das ja sogar noch halbwegs erträglich…
Samstag, 24. November 2007 23:57
ha. mal wieder trendsetter. ich hatte recht früh eins, mein aktuelles ist aber seit einiger zeit außer betrieb. nicht aus angst vor strahlen, ich habe nur nie das bedürfnis, in der öffentlichkeit zu telefonieren. damit bin ich bei spreeblick natürlich randgruppe. nee, stimmt auch nicht, fred ist ebenso handylos. deshalb musste er allerdings kürzlich 20 minuten bei uns vor der tür warten. leise klingeln und handylosigkeit vertragen sich halt nicht. so, liebes tagebuch, schöne samstagnacht noch:)
Montag, 26. November 2007 13:33
@mad: Ich glaube eher, dass dieses “nur die Hälfte mitbekommen” unsere Sinne irritiert, es uns unmöglich macht, wegzuhören. Würde einer da sein, der die Antworten gibt (oder die Fragen zu den Antworten stellt, die wir hören) müsste sich unser Geist nicht damit beschäftigen.