Beiträge vom Oktober, 2007

Mannheim für Deutschland

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. Oktober 2007 23:57

Gestern noch las ich bei der Riesenmaschine von den 1925 vorgestellten Plänen Le Corbusiers, Paris abzureißen und geordnet neu aufzubauen. “Nun ja”, dachte ich, “typisch Moderne: Tolle Ideen, aber irgendwie dann doch so ein bisschen abgedreht.”

Heute wollte ich einen Besuch in Mülheim an der Ruhr tätigen. Ich war schon etliche Male in der Straße, in dem Haus gewesen, wo ich hinwollte. Zwar war ich noch nie selbst dorthin gefahren, aber ich hatte mir bei Google Maps eine genaue Wegbeschreibung ausgedruckt und hegte ein gewisses Grundvertrauen in meine eigenen Orientierungskünste.

Sie ahnen, wie mein Tag und dieser Text weitergehen: Welch groteske Selbstüberschätzung!

Einen Moment war ich unaufmerksam, war verwirrt, weil Google Maps einem Straßenwechsel anzeigt, wenn sich nur der Name ändert (was in Mülheim/Ruhr an jeder Ampel passiert), und schon fand ich mich bald am Hauptbahnhof, bald im strömenden Regen an einem entlegenen Golfplatz wieder. Ich zerfleischte die Schaumstoffummantelung des Lenkrads, stieß vielfarbige Flüche aus, versetzte meine Beifahrerin in Angst und Schrecken und suchte nur noch nach einem geeigneten Baum, vor den ich das Auto hätte steuern können – aber nicht mal den gab es.

Schließlich rief ich per Telefon um Hilfe und wurde von der Gastgeberin mit einem Follow-Me-Fahrzeug zum Ziel gelotst. Natürlich war ich mehrfach haarscharf an der richtigen Straße vorbeigefahren, hätte nur einmal links und sofort wieder rechts fahren müssen und wäre am Ziel gewesen. Aber die Kreuzung war so übersichtlich gewesen wie ein Verteilerkasten der Deutschen Telekom, überall waren Autos und die wenigen Straßenschilder, die mit dem menschlichen Auge überhaupt zu erkennen gewesen wären – von der Straße aus, aus einem sich bewegenden Fahrzeug -, waren mit Straßennamen beschriftet, die in meinem spärlichen Google-Ausdruck schlichtweg nicht vorkamen.

Und da dachte ich mir: Warum fahre ich eigentlich durch so grauenhaft verschlungene Städte, deren Stadtpläne einer Röntgenaufnahme des menschlichen Darms oder einer Rosinenschnecke nachempfunden zu sein scheinen? Dieses Land, insbesondere das Ruhrgebiet, ist doch im zweiten Weltkrieg zu erheblichen Teilen zerstört worden. Warum hat man Straßenzüge, die komplett in Schutt und Asche lagen, in ihrem jahrhundertealten Verlauf wieder aufgebaut? Warum hat nicht wenigstens ein weiser Architekt in dieser vielzitierten “Stunde Null” gesagt: “Wenn wir schon ganz neu anfangen müssen, könnten wir es ja vielleicht ein einziges Mal richtig machen!”? Warum ist Deutschland also heute kein flächendeckendes Mannheim, sondern diese Katastrophe von Oberhausen, Köln und eben Mülheim/Ruhr?

Da meldete sich mein architektonisches Fachwissen und erinnerte mich höflich an Rudolf Hillebrecht und seinen Wiederaufbau Hannovers, dem zunächst ein paar noch verbliebene Gebäude zum Opfer gefallen waren und der noch heute dafür sorgt, dass Hannover wie eine mit scharfem Messer filetierte Pizza in der Landschaft liegt. Und parallel bzw. zueinander orthogonal sind die Straßen dort trotzdem nicht.

Und so bleibt mir wohl als einzige Option der Umzug in die USA, wo die Siedler weiland jede einzelne Stadt mit der Reißschiene in die Landschaft gezimmert haben und wo man Wegbeschreibungen gleichsam als Vektoren (“drei Blocks nach Norden, zwei nach Osten”) angeben kann. In den USA hängen die Ampeln auch hinter den Kreuzungen, was es einem immerhin ermöglicht, sie vom Auto aus auch zu sehen, und man kann bei Rot rechts abbiegen. Allerdings sind zumindest die Innenstädte immer derart verstopft, dass mein Verbrauch an Lenkradummantelungen wohl einfach zu hoch wäre.

Alles Elend dieser Welt

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 2. Oktober 2007 13:00

In den vergangenen Tagen hat die Militärjunta von Myanmar, dem früheren Burma, friedliche Proteste von buddhistisches Mönchen und Zivilisten mit aller Brutalität niedergeschlagen. Etwa 4.000 Mönche sollen in Gefängnisse im Norden des Landes verschleppt worden sein, meldet die BBC.

Es ist ein wenig überraschend, dass ein Land, in dem solche Verbrechen seit Jahrzehnten an der Tagesordnung sind, plötzlich doch noch in den Focus der Weltöffentlichkeit gerät. Und vielleicht liegt es wirklich am Internet, dass sich die Welt ein Bild von dem machen kann, was in dem südostasiatischen Land so vor sich geht. Zumindest kann man sich Bildergalerien wie diese oder jene ansehen, auch wenn das Land jetzt vom Internet abgeschnitten ist.

Für den 4. Oktober (also Donnerstag) ist im Internet eine Aktion geplant, bei der Blogs, Websites und Webforen einen Tag lang zu allen anderen Themen “schweigen” sollen und so auf die Situation in Burma aufmerksam machen wollen (alle Infos gibt’s hier).

Wie eigentlich immer bei symbolischen Aktionen, kommt sofort die Frage auf, was das bringen soll. Wenn das deutsche Volk von einer Demonstration gegen die Vorratsdatenspeicherung der deutschen Bundesregierung in der deutschen Hauptstadt Dank der Kompetenz der deutschen Nachrichtenagenturen gleichsam nichts mitbekommt – wie beeindruckt werden dann Generäle, die auf ihr eigenes Volk schießen lassen, davon sein, dass irgendwelche Blogger in irgendwelchen Ländern einen Tag lang nichts schreiben? Nun: Dass sie die Militärjunta kaum erreichen werden, wissen die Organisatoren wohl selbst. Aber eine solche Aktion kann auch Leute, die sich bisher gar nicht mit Burma beschäftigt haben (was 95% der Weltbevölkerung sein dürften), auf das Land bzw. Thema aufmerksam machen. Sie kann Hintergründe erklären, z.B. welche Firmen mit den Militärs so Geschäfte machen und welche deutschen Unternehmen in dem Land ihr Geld verdienen. Vor allem kann sie nicht schaden, denn im schlimmsten Fall ändert sich nichts, die Generäle morden weiter wie bisher und in 41 Jahren steht vielleicht Darfur mal für zwei Wochen im Focus der Weltöffentlichkeit.

Das dämlichste und zynischste Argument gegen solche Aktionen aber lautet “Es gibt so viel Elend auf der Welt, warum konzentriert man sich ausgerechnet auf Burma?”. Konsequent zu Ende gedacht, bräuchte man dann auch kein einziges Buch mehr lesen (weil man eh nicht alle Bücher lesen kann), man bräuchte nicht mehr essen (weil Reste übrig bleiben könnten und andere Menschen gar nichts zu essen haben), ja, man bräuchte nicht einmal mehr leben (weil andere Menschen tot sind). Menschen, die so argumentieren, fragten am Morgen des 12. September 2001 “Und was ist mit den Kindern, die in Afrika verhungern?”, und vielleicht stehen sie sogar am offenen Grab ihrer Mutter und sagen etwas wie “Nun ja, jetzt isse tot, aber während wir hier stehen, sterben bei einem bewaffneten Konflikt in Südamerika vierhundert Menschen.”

Als ich Thees Uhlmann von Tomte das erste Mal interviewte, war wenige Monate zuvor sein guter Freund, der Musikjournalist Rocco Clein verstorben. Tomte und andere Bands hatten ein Benefizfestival organisiert, um Geld für Roccos Kinder einzuspielen. Natürlich gab es auch damals wieder Leute, die mit den verhungernden Negerkindern argumentierten und der Meinung waren, dass die Halbwaisen eines “Prominenten” schon genug Geld zum Leben haben müssten. Ich fragte Thees, was er auf dieses Gerede antworten würde, und Thees sagte wie so oft etwas sehr, sehr Kluges:

Menschen funktionieren so. Sie mögen das, mit dem sie zu tun haben oder hatten. Warum ist einem das World Trade Center näher, als wenn irgendwo in Ruanda 120.000 Menschen innerhalb von 90 Tagen abgemordet werden? Weil Ruanda abstrakt ist. In Amerika war jeder schon mal. Und wenn er nicht da war, dann kennt er jemanden, der da war. So funktionieren Menschen. Und das ist schlimm oder egal oder gut, aber das ist einfach so.

Ich weiß noch nicht, ob ich mich an dieser Blogger-Aktion beteiligen werde. Aber ich weiß, dass ich Respekt habe vor denen, die sowas planen, die sich Gedanken machen. Es liegt nun mal offenbar in der Natur des Menschen, dass er nicht an alles Elend der Welt gleichzeitig denken kann – aber würden wir nicht auch wahnsinnig, wenn wir es könnten? Vor zwei Wochen wussten viele nicht, dass ein Land namens Myanmar existiert, heute machen sie sich für die Menschen dort, von denen sie vermutlich keinen einzigen je kennenlernen werden, stark. Das mag man als Aktionismus sehen, aber dann dürfte man auch bei den Adventssammlungen der Kirchen kein Geld mehr geben und müsste Medikamente und Schulen verbieten, weil sie die Chancengleichheit (“Alle haben keine Chance”) der Menschen verzerren. Wer so argumentiert, verfügt über die nötige Portion Zynismus und Menschenverachtung, um einem Militärregime anzugehören.

Anyone Can Sell Records

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. Oktober 2007 18:22

Radiohead haben weitgehend überraschend angekündigt, ihr neues Album “In Rainbows” bereits in zehn Tagen zu veröffentlichen – zumindest als Download.

Ähnlich wie die Kanadier Stars, die ihr neues Album “In Our Bedroom After The War” auch direkt nach dem Mastering als kostenpflichtigen Download zur Verfügung stellten, wollen wohl auch die Mannen um Thom Yorke so wenigstens ein bisschen an den sowieso frühzeitig einsetzenden Downloads mitverdienen. Der Unterschied: Bei Radiohead kann jeder Downloader selbst entscheiden, wie viel er für das Album bezahlen will.

Moment, das war nicht ganz angemessen formatiert. Nochmal:

Bei Radiohead kann jeder Downloader selbst entscheiden, wie viel er für das Album bezahlen will!!!!!!1

Außerdem kann man eine Discbox des Albums, die am 3. Dezember erscheinen wird, für 40 Pfund bestellen – man erhält das Album dann auf Vinyl und CD und als Download, sowie eine zusätzliche CD mit acht Bonustracks. Eine reguläre Veröffentlichung auf CD (und möglicherweise auch mit einer Plattenfirma im Rücken) ist fürs nächste Frühjahr geplant.

Links:
Die Website zum Album
Eine ausführliche Würdigung im taz-Popblog
Die Meldung beim NME
Eine Vorschau auf das Album anhand von Live-Videos im NME-Blog

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