Beiträge vom Oktober, 2007

Don’t party like it’s 1999

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 31. Oktober 2007 15:43
Kategorie: Mr. Writer, Social Distortion

Kürzlich blätterte ich mal wieder in “Tristesse Royale”, dem Reader der deutschsprachigen Popliteratur der 1990er Jahre, dem Zeitdokument der ersten Tage der Berliner Republik. Und mir wurde klar: Wer verstehen will, wie sehr sich unsere Gesellschaft und unsere Welt im letzten Jahrzehnt verändert haben, der muss nur diese Protokolle der Gespräche lesen, die Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre im späten April des Jahres 1999 im frisch wiedereröffneten Berliner Hotel “Adlon” geführt haben.

Nehmen wir nur einen kurzen Ausschnitt, der eigentlich alles sagt:

JOACHIM BESSING Gibt es denn eigentlich überhaupt noch sogenannte gesellschaftliche Tabus?
ALEXANDER V. SCHÖNBURG Die katholische Kirche zu verteidigen ist zum Beispiel ein modernes Tabu. Es ist ein Allgemeinplatz, für die Antibabypille und gegen die Familienpolitik des Papstes zu sein. Wer heute, wie ich, sagt: Ich bin für den Papst und gegen die “Pille danach”, bricht ein gesellschaftlich vereinbartes Tabu. Vielleicht ist es auch ein ähnlicher Tabubruch, wenn eine Frau sagt: Ich gehöre hinter den Herd und möchte gerne meine Kinder erziehen. Ich möchte gar nicht in die Drei-Wetter-Taft-Welt eintreten.

“Tristesse Royale”, S. 118

Lesen Sie diese Ausführungen ruhig mehrmals. Und versuchen Sie dann, sich vorzustellen, dass es eine Welt gab, in der “wir” noch nicht Papst waren und in der Eva Herman nur die Nachrichten vorgelesen hat. Es war eine Welt, in der alles noch so war, wie es war, bevor nichts mehr so war, wie es zuvor gewesen war. Eine Welt in einem anderen Jahrtausend – aber wer heute aufs Gymnasium kommt, war damals schon geboren.

Natürlich ist “Tristesse Royale” kein Protokoll einer tatsächlichen Gesellschaft. Die weltmännischen Posen der fünf jungen, konservativen Herren ließen sich auch damals nur schwerlich mit der Weltsicht der Mehrheit der Bevölkerung auf eine Line bringen. Aber sie passten stilistisch in die Euphorie des Aufbruchs. Das Buch ist deshalb eine gute Erinnerung an diese ersten Tage der sogenannten Berliner Republik, als es so aussah, als würden Gerhard Schröder und die rot-grüne Koalition Deutschland alleine aus der Krise führen. In gewisser Weise haben sie das getan, aber das Volk hat es ihnen nicht gedankt, weil die als große “Reform” anmoderierte Agenda 2010 weh tat und sie zu einem nicht unerheblichen Teil auch unsozial war. Niemand fragt, warum es Deutschland unter einer Kanzlerin Merkel, die bisher keine einzige innenpolitische Entscheidung größerer Tragweite getroffen hat, plötzlich so gut gehen soll, wie lange nicht mehr. Niemand ist erstaunt, wenn die SPD unter dem Pfälzer Teddy Kurt Beck plötzlich wieder Sozialdemokratie der 1960er Jahre betreiben will. Aber alle jammern über diese wahnsinnigen Teuerungsraten und über die Gefahr, schon morgen auf dem Koblenzer Marktplatz Opfer einer islamistischen Atombombe zu werden.

Zwischen April ’99 und Oktober ’07 lag der 11. September 2001, der natürlich viel verändert hat und der für zwei neue große Kriege auf diesem Planeten verantwortlich ist. Aber ich glaube nicht, dass diese Terroranschläge, so schlimm sie auch waren und so viele danach auch noch kamen, der Hauptgrund für diese Verschiebung gesellschaftlicher Vorstellungen ist.

Zwischen 1999 und 2007 lag nämlich auch und vor allem ein Jahrtausendwechsel, egal ob man den am 1. Januar 2000 oder erst ein Jahr später begossen hat. Wenn wir uns ansehen, welche Auswirkungen schon eine schlichte Jahrhundertwende gehabt hat, dann müssen wir erstaunt sein, dass dieser Übergang vom zweiten zum dritten Millennium häufig so einfach übergangen wird: Das späte 19. Jahrhundert hatte das Fin de siècle, das Zeitalter des Dekadentismus, und genau das finden wir auch in “Tristesse Royale” und der Gesellschaft dieser späten 1990er Tage wieder. Nicht wenige erwarteten für die Silvesternacht 1999/2000 den sofortigen Weltuntergang und entsprechend wurde auch gefeiert und gelebt. Dieser Überschwung hielt diesmal aber keine 14 Jahre, bis ein Ereignis die Welt erschütterte, sondern die paar Monate bis zum September 2001.

Als Peter Scholl-Latour am Abend des 12. September 2001 in der Talkshow von Michel Friedman das Ende der Spaßgesellschaft postulierte, hinterließ das zwar keinen allzu bleibenden Eindruck bei der Weltbevölkerung, aber nach so einer Ansage fielen die Champagnerbäder in Berlin-Mitte vielleicht doch zunächst ein bisschen kleiner aus. Und ehe man sich’s versah, war auch auf höherer Ebene aus einer apolitischen Dekadenzgesellschaft eine apolitische Biedermeiergesellschaft geworden, in der man seinen dunkelhaarigen Nachbarn sofort für einen potentiellen Massenmörder hält, weil der sich dreimal am Tag die Hände wäscht und betet. Andererseits wird ein alter Kirchenmann von Jugendlichen wie ein Popstar verehrt und Fernsehmoderatorinnen erheben das Gegenteil ihres eigenen Lebensweges zum Heilsversprechen für alle Frauen.

Damit sind wir, auf Umwegen, wieder beim Ausgangszitat angekommen. Was machen eigentlich diese großen Männer der deutschsprachigen Dekadenz heute? Nun: Alexander von Schönburg war kurzzeitig Chefredakteur des Edelmagazins “Park Avenue” und kollumniert für “Bild”; Joachim Bessing schreibt Bücher, die auf dem “Lebenshilfe”-Tisch der Buchhandlungen neben denen von Eva Herman liegen; Eckhart Nickel und Christian Kracht gründeten die sehr interessante, leider aber nicht sehr erfolgreiche Literaturzeitschrift “Der Freund”; Kracht selbst entschwebt in seinen Reportagen in immer unzugänglichere Sphären und Benjamin von Stuckrad-Barre war zuletzt als Rosenverkäufer im neuen Horst-Schlämmer-Video zu sehen.

Niemand ist ein Berliner

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 31. Oktober 2007 1:01
Kategorie: Auf Achse, Social Distortion

Ich bin zurück in Bochum. Fast wäre das schief gegangen, da der ICE aus Berlin Richtung Ruhrgebiet aus zwei Zügen besteht, die in Hamm getrennt werden, und ich natürlich zunächst im falschen Zugteil saß. Ich war aber nicht der Einzige, den der Gleiswechsel und die veränderte Abfahrtzeit am Berliner Hauptbahnhof irritiert hatte: In Spandau rannten gleich drei Leute aus dem hinteren Teil nach vorne und zwei aus dem vorderen nach hinten. Obwohl ich Berlin als Stadt eigentlich nicht so mag, war es doch ein sehr schöner Aufenthalt. Ich habe lauter nette Leute getroffen und Kreuzberg ist nach vier dort verbrachten Abenden tief in meinem Herzen.

Irritiert hat mich der Umstand, dass es in Berlin Schulen und Spielplätze gibt, habe ich doch bis heute ausschließlich Menschen kennengelernt, die frühestens zum Studium nach Berlin gekommen sind. Die Vorstellung, es könnte Personen geben, die in Berlin geboren wurden, erscheint mir deshalb hochgradig abwegig. Andererseits fiele mir spontan auch niemand aus meinem Umfeld ein, der gebürtiger Bochumer wäre.

Was auch mal wieder überdeutlich wurde: Egal, wohin man kommt, man trifft immer jemanden, der eine persönliche Dinslaken-Geschichte hat. Christoph Schultheis war als Kind sogar schon mal da und erinnerte mich gleich an ein schon lange verdrängtes Dinslaken-Detail: Im zentralen Kreisverkehr zwischen Stadthalle und Supermarkt stand lange Jahre ein großer gelber Wegweiser, wie man ihn von Land- und Bundesstraßen kennt, der die Richtung und Entfernung nach Berlin angab. In Dinslaken, das damals noch nicht mal einen eigenen Autobahnanschluss hatte. Es sollte wohl ein Symbol sein, auf dass man die seinerzeit noch vorherrschende deutsche Teilung im Alltag nicht vergesse. Das Schild gewordene Weihnachtspaket an die Verwandten “drüben”.

Von Lukas Heinser am Dienstag, 30. Oktober 2007 21:05
Kategorie: Living In A Magazine

Fast jede deutsche Tageszeitung (und ich habe sie fast alle gesehen) hatte heute die gestern verstorbene Evelyn Hamann auf dem Titel, was völlig richtig und verdient ist.

Viele Zeitungen haben sich um Zitate und Anspielungen auf ihre berühmten Sketche mit Loriot bemüht, wirklich gelungen ist es nur der “WAZ” – das aber dann direkt auf wirklich anrührende Weise:

“Sagen Sie jetzt nichts!”

Man muss in diesem Zusammenhang mal wieder “Bild” tadeln, die es überhaupt als einzige Zeitung für nötig hielt, die “kurze Krankheit”, an der Frau Hamann verstorben ist, zu benennen – und das noch in riesigen Lettern auf der Titelseite.

Programmhinweis

Von Lukas Heinser am Dienstag, 30. Oktober 2007 15:42
Kategorie: Digital Ist Besser

Am Donnerstag Abend werden in München die European Music Awards von MTV verliehen. Da das Ganze sicher eine beeindruckend langweilige Veranstaltung werden wird, schreit das ja geradezu nach Liveblog.

Liveblog EMAs 2007
am Donnerstag, 1. November 2007
ab 20:00 Uhr
bei coffeeandtv.de

Wenn mir bis dahin noch ein Saufspiel einfällt, wird das natürlich mitgeboten. Wenn nicht, wäre das aber auch nicht so schlimm, denn an Allerheiligen soll man nicht saufen.

Warnung vor der Kunst!

Von Lukas Heinser am Dienstag, 30. Oktober 2007 10:42
Kategorie: My Culture

Ich mag moderne Kunst, besonders multimediale Installationen und Skulpturen. Und ich mag es, wenn vor Ausstellungsräumen gelbe Schilder angebracht sind, die Träger von Herzschrittmachern und Epillepsie-Patienten vor dem Betreten warnen. Deshalb war ich gestern recht angetan von der frisch eröffneten Ausstellung “Vom Funken zum Pixel” im Berliner Martin-Gropius-Bau.

Was ich gesehen habe, lässt sich schwer in Worte fassen, selbst im Fernsehen könnte man nur sehr unzureichend vermitteln, was in der Ausstellung gezeigt wird. Es blinkt und rauscht, es flackert und blitzt und hinterher hat man Kopfschmerzen. Toll war es aber trotzdem. Man sollte es sich vielleicht selbst ansehen – bis zum 14. Januar 2008 ist noch Gelegenheit.

Deutlich weniger multimedial, aber eigentlich noch toller waren die Fotoausstellungen von Diane Arbus und Neil Selkirk, die ich in der Galerie Camera Work besucht habe. Wer sich nur ein bisschen für Fotografie interessiert, wird hier mit Freude vor allem vor Arbus’ Werken stehen. Und wen die Bilder aus dem Amerika der 1960er Jahre gar nicht mehr loslassen, kann sich auch eines oder mehrere kaufen – das preisliche Spektrum reicht von 12.000 Euro bis zu 450.000 Euro und “Preis auf Anfrage”. Auch diese Ausstellungen laufen noch bis Januar.

Nächtlicher Verkehr

Von Lukas Heinser am Montag, 29. Oktober 2007 16:05
Kategorie: Auf Achse

Das Ruhrgebiet hat anderthalb Mal so viele Einwohner wie Berlin. Trotzdem hat die Stadt im Osten das bedeutend besser ausgebaute Nahverkehrssystem. Man könnte auch sagen: Berlin hat überhaupt ein Nahverkehrssystem.

Will man im Ruhrgebiet wochentags von einer Stadt in die nächste (was nicht sehr viel anders ist, als von einem Berliner Stadtteil in einen anderen fahren zu wollen), muss man nach 20 Uhr einfach hoffen, dass der Morgen bald anbricht. Auch die Wiederkehr Christi erscheint einem in diesem Moment ein klar definierter Zeitpunkt, verglichen mit der Abfahrt des nächsten Verkehrsmittels. Natürlich gibt es im Ruhrgebiet Fernzüge, die einen von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof bringen. Es gibt sogar S-Bahnen, Straßen- und U-Bahnen und Busse. Aber ihre Abfahrtszeiten, Richtungen und Wege erschließen sich mir nicht. Ich komme gerade von der Bochumer Innenstadt zu meinem Wohnheim – was vor allem daran liegt, dass die entsprechende U-Bahn-Linie gut sichtbar mitten durch die Stadt verläuft und nicht verfehlt werden kann.

Als ich letzte Woche vom Hauptbahnhof nach hause fahren wollte, erschien es mir für einen kurzen Moment bequemer, einen Bus zu nutzen. Eine halbe Stunde später stand der Bus an der Endhaltestelle im dörflichsten Stadtteil Bochums, kurz vor Beginn des Ennepe-Ruhr-Kreises. Es war Sonntag Abend und ich wollte eigentlich in mein Bett, nächtliche Sightseeing-Touren waren mir scheißegal.

Gestern war es noch einige Stunden später, als ich von Kreuzberg nach Steglitz wollte. In Bochum hätte ich ein Taxi nehmen müssen. (Es ist ja wohl der Traum eines jeden Mannes, einmal in seinem Leben auf eine Hauptverkehrsstraße zu treten und mit energischer Handbewegung ein gerade vorbeirauschendes Taxi anzuhalten. Im Idealfall, um sich hineinzuschwingen und dem Fahrer den Satz “Folgen Sie diesem Auto!” zuzurufen.) In Berlin wartete ich zehn Minuten auf den ersten Nachtbus, der mich zu einer etwas entlegenen U-Bahn-Station fuhr, wo ich weitere vier Minuten auf den zweiten Nachtbus wartete, der mich nach hause brachte.

Zwar hatte ich über eine Dreiviertelstunde vom Ausgangs- zum Zielort gebraucht, ich hatte aber auf dem Stadtplan auch eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Das Erstaunlichste aber: Ich war mit dem Schienenersatzverkehr bequemer und schneller gereist als mit den U-Bahnen, die mich an den Abenden zuvor aus Kreuzberg abtransportiert hatten.

Was in mir übrigens noch die finale Frage aufwirft, was stilvoller sei: Betrunken von Bier und Kilians-hörend durch die Nacht zu juckeln oder nach mehreren Gin Tonic mit Rihanna im Ohr?

Wer den Personenschaden hat …

Von Lukas Heinser am Freitag, 26. Oktober 2007 15:03
Kategorie: Auf Achse

Gestern musste ich bekanntlich nach Berlin. Gestern war aber bekanntlich auch Lokführerstreik. Im Nachhinein muss ich sagen: Glücklicherweise.

Meine Reise wäre das unterhaltsamere Liveblog geworden, denn kaum erreichte ich den Bochumer Hauptbahnhof, hörte ich die Ansage: “Wegen eines Personenschadens im Raum Duisburg fährt der ICE nach Berlin heute nicht über Bochum!”

Kiefer runter, Puls auf 180, Schreikrämpfe.

Dann fragte ich bei einer leicht überforderten, trotzdem um Freundlichkeit bemühten, Bahn-Mitarbeiterin nach, wie ich denn jetzt mit meinem Zuggebundenen Spar-Ticket nach Berlin kommen solle. Sie kritzelte irgendwas auf mein Ticket und riet mir, die gleich einfahrende S-Bahn nach Dortmund zu nehmen und dort auf den ICE zu hoffen: “Entweder, Sie erwischen den über die Wupper umgeleiteten, den Sie gebucht hatten, noch oder Sie fahren mit dem von vor einer Stunde, der ist nämlich immer noch irgendwo unterwegs.” Das klang vertrauenserweckend.

Ich fuhr mit der großspurig als “vielleicht letzten Reisemöglichkeit nach Dortmund für ein paar Stunden” angekündigten S-Bahn nach Dortmund. Die Minuten zwischen Bochum-Langendreer-West, Dortmund-Oespel und Dortmund Hauptbahnhof zogen sich und ich wurde ruhiger und ruhiger. Offenbar hatte ich meinen persönlichen Tiefpunkt schon überwunden und befand mich schon in meiner Zen-Phase – das ging viel zu schnell.

In Dortmund war der von mir reservierte Zug natürlich schon weg, aber der davor war immer noch angekündigt. Es gab kostenlos Mineralwasser und Kaffee für die wenigen gestrandeten Fahrgäste – denn Dank des Lokführerstreiks waren so wenige Leute mit dem Zug unterwegs, dass der Personenunfall in Duisburg gar keine so schlimmen Auswirkungen auf den Regionalverkehr hatte. Das Chaos, das an einem normalen Tag mit doppelt so vielen Zügen und dreimal so vielen Reisenden entstanden wäre, hätte wohl biblische Ausmaße gehabt.

Der ICE nach Berlin fuhr mit stolzen zwei Stunden Verspätung ein (ich hing nur eine Stunde zurück), ich fand einen Sitzplatz, und als der Zug kurz vor Hannover wegen “spielender Kinder im Gleisbett” abermals halten musste, gab es beinahe Szenenapplaus der Reisenden.

Ich kam schließlich wohlbehalten in Berlin an und habe gestern schon jede Menge Multimediacontent vorbereitet, dessen Veröffentlichung sich aufgrund technischer Schwierigkeiten jedoch bis zu meiner Rückkehr nach Bochum verzögern wird. Aber ich kann versprechen behaupte einfach mal, dass es toll wird.

Toll war übrigens auch der Grund meiner Reise, die BILDblog-Lesung mit Charlotte Roche. Dazu später noch viel mehr, für den Moment verweise ich auf diese A(u)ktion.

Vom Ziehen und Jagen der alten Liebe

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 24. Oktober 2007 11:58
Kategorie: Rock'n'Roll High School

Musikalisch ist das Jahr 2007 für mich bisher eine andauernde Zeitreise zurück in die Tage, als ich Rockmusik für mich entdeckte. Zahlreiche Bands, die mich seit Beginn dieses Jahrzehnts (oder noch länger) begleiten, haben neue Alben veröffentlicht, darunter Travis, Manic Street Preachers, Smashing Pumpkins, Foo Fighters und Weakerthans, Radiohead und Crowded House. Dazu noch Air und The Ataris und bevor ich mich bis zu Joni Mitchell und Bruce Springsteen rüberhangel, krieg ich mal besser die Kurve und sage: Wirklich viele Bands.

In den letzten Wochen kamen noch zwei Bands mit ihrem jeweils sechsten Album dazu: Stereophonics mit “Pull The Pin” am 12. Oktober und Jimmy Eat World mit “Chase This Light” am letzten Freitag.

Ich hatte es schon mal erwähnt: Mit den Stereophonics verbindet mich eine ganz besondere Hassliebe. Als die letzten beiden Studioalben erschienen, konnte ich damit überhaupt nichts anfangen und schrieb jeweils recht harsche Verrisse. Inzwischen habe ich mir beide Alben einigermaßen schöngehört, zumindest habe ich auf beiden noch Songs entdecken können, die für mich inzwischen beinahe in einer Liga mit “A Thousand Trees”, “Traffic” oder “Just Looking” spielen.

Auch “It Means Nothing”, die Vorabsingle aus “Pull The Pin”, brauchte einige Durchläufe, aber sie wuchs mit jedem Mal und ist inzwischen auch in meinem Herzen angekommen – allerdings nur auf Platz 2 hinter “Daisy Lane”. Beide Songs folgen der gleichen Blaupause, die auch schon “Maybe Tomorrow”, “I’m Alright” und “Rewind” so unwiderstehlich machten: Hypnotischer Breitwandrock in Endlosschleife, U2 und Rollingstones im Quadrat. Dass “Daisy Lane” nicht mal einen Refrain, sondern nur ein langgezogenes “Babadabada ba ba ba” hat, macht den Song eigentlich nur noch schöner.

Aber auch auf der anderen Seite, dem deutlichen Rocksong, haben die Phonics endgültig wieder Boden unter den Füßen: “Bank Holiday Monday” mag ein bisschen schlicht, “Ladyluck” ein bisschen zu kalkuliert Snow-Patrolig sein, aber allein ein Stampfer wie “Lose Ya”, der mit herrlich schlichtem Inhalt und gradlinigem Geschrammel an die Anfangstage der Band erinnert, gleicht das wieder aus.

Die Stereophonics werden wohl nie wieder so gut sein wie auf ihren ersten beiden Alben, aber nach den insgesamt doch recht schwachen letzten Werken ist ihnen mit “Pull The Pin” endlich mal wieder ein Album gelungen, das man von beruhigt durchhören kann.

Durchhören kann man sicherlich auch “Chase This Light” von Jimmy Eat World, allerdings frage ich mich auch mehreren Tagen des intensiven Hörens, was man davon hat. Zwölf gefällige Rocksongs, glattpoliert bis alles glitzert und nichts mehr hängen bleibt – so kannte man das Quartett aus Arizona eigentlich gar nicht. Zwar hatten sie sich nach ihrem Überalbum “Clarity”, das heute zu den Meilensteinen des Emo zählt, den etwas poppigeren Songs zugewendet – diese waren aber wenigstens eingänglich. “Futures” vor drei Jahren gefiel nicht allen, aber ich mochte es. Bei “Chase This Light” bin ich mir immer noch nicht sicher.

Vielleicht liegt es an Executive Producer Butch Vig, der seit mehr als zehn Jahren kein gutes Album mehr produziert hat, vielleicht liegt es am Songwriting, dass Jimmy Eat World inzwischen wie Vega4, The Upper Room oder The Feeling klingen – oder mindestens wie Weezer ab dem grünen Album. Schlecht ist das Album deshalb nicht unbedingt, aber irgendwie egal. “Let It Happen” und “Gotta Be Somebody’s Blues” wären auf früheren Alben Beiwerk gewesen, hier zählen sie schon zu den Highlights.

Das merkwürdige daran: Einerseits tut es weh, eine ehemals so spannende Band so zu hören, andererseits sind es die immer mal wieder durchschimmernden Überreste der alten Jimmy Eat World (bzw. die wachgerufene Erinnerung an alte Großtaten), die das Album überhaupt erst hörenswert machen. Ich weiß nicht, ob ich “Chase This Light” als Werk einer anderen (neuen) Band besser fände – oder wirklich langweilig. “Here It Goes” wäre ein charmanter Popsong, wenn er von einer jungen britischen Band käme, aber zu Jimmy Eat World passen Handclaps und “Hey, hey, hey!”-Chöre irgendwie nur bedingt. Der Titeltrack macht es deutlich: Die Ideen, die sie auf “Chase This Light” verarbeitet haben, hatten Jimmy Eat World alle schon mal – und früher klangen sie besser.

Eigentlich ist es aber fast egal, wie “Pull The Pin” und “Chase This Light” klingen: Beide Bands stehen auf der Liste meiner Teenage-Lieblinge. Und so, wie man die Mädchen, für die man zu Schulzeiten schwärmte, nie richtig doof finden können wird, so findet man halt auch bei Bands, die einen schon so lange begleiten, immer irgendwas zum Mögen.

Rock around the Bundestag

Von Lukas Heinser am Mittwoch, 24. Oktober 2007 1:56
Kategorie: Political Science, Rock'n'Roll High School

Wie ich gerade sueddeutsche.de entnehme, wird sich der Deutsche Bundestag am heutigen Mittwoch mit dem Antrag “Populäre Musik als wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens stärken” befassen. Darin fordern die Fraktionen von CDU/CSU und SPD eine zaghafte Förderung von heimischem Rock, Pop und Jazz.

Nun muss man bei der sogenannten Kulturpolitik immer ganz vorsichtig sein, besonders, wenn es um Popmusik geht. Erinnerungen an die grauenhafte Forderung nach einer “Radioquote” werden sofort wieder wach (und daran, wie Wiglaf Droste Antje Vollmer und Hartmut Engler fertig machte).

Und, indeed: Smells Like Deutschquote light.

Das Internet als besonders leicht zugängliches und preiswertes Medium hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Plattformen für Künstlerinnen und Künstler aller Bereiche entwickelt. Neben der Verfügbarkeit großer und übergreifender Plattformen ist im Internet auch eine eigenständige und selbstbestimmte Präsentation und Vermarktung möglich, die durchaus sinnvoll sein kann. Weitaus höher sind die Zugangsbarrieren jedoch bei den wichtigen medialen Plattformen Hörfunk und Fernsehen. Hier spiegelt sich der bestehende Erfolg der in Deutschland produzierten Rock- und Popmusik nicht wider.

Allein die Vorstellung, beim Einschalten des Radios noch öfter Juli, Silbermond oder gar Revolverheld hören zu müssen, treibt mir den Angstschweiß ins Gesicht.

Zwischenruf: “Und was ist mit Tomte, Kante, Kilians?”
Antwort: “Ja, das ist eben Qualität. Ich habe immer noch die naive Vorstellung, dass die sich langfristig durchsetzen wird. Das ist jedenfalls wahrscheinlicher, als dass eine größere Anzahl Radiokonsumenten plötzlich losrennt und Kante-Alben kauft, nur weil die im Radio liefen. Kante würden aber eh nicht im Radio laufen, sondern die oben genannten.”

Die Bundesregierung wird aufgefordert, bestehende Förderungen für deutsche Popmusik besser abzustimmen, “private Mittel ergänzend zur staatlichen Förderung einzuwerben” und sich bei den Rundfunkanstalten für “angemessene Plattformen einzusetzen”. Es ist ein zahmer Antrag, zusammen mit zwei Eingaben zur Kulturwirtschaft ist jedoch immerhin eine Stunde zur Beratung vorgesehen. Die veranschlagten Kosten im Haushalt liegen bei je einer Million Euro für 2007 und 2008.

Das kann eine Menge heißen. Natürlich habe auch ich Angst vor Rockbeamten und Popbeauftragten. In Ländern wie Schweden, Finnland, Norwegen, Frankreich, Großbritannien und Kanada, gibt es teilweise seit Jahren “Musikexportbüros”, die sich um eine Förderung der heimischen Musik im Ausland bemühen.

Nun kann man argumentieren, dass Bands wie Abba, a-ha oder die … Beatles durchaus auch ohne derartige Kampagnen Erfolg hatten. Man Ich weiß nicht, inwieweit die aktuelle “Swedish Invasion” von Mando Diao, Moneybrother und Sugarplum Fairy planbar gewesen sein soll. Und es bleibt natürlich immer ein fader Beigeschmack bei staatlich “verordneter” Kultur.

Ein deutsches Rockbüro ist für mich eine denkbar uncoole Vorstellung – und ich frage mich, wieso. Als ich auf vergangenen Popkommen von der skandinavischen Förderung hörte, fand ich die Idee wunderbar und fragte mich, wieso es sowas in meinem hinterwäldlerischen Heimatland nicht gibt. Kaum kümmern sich die Politiker mal um popkulturelle Themen, finde ich es auch wieder schrecklich. Einerseits könnte die hiesige Musikszene eine “einheitliche Struktur”, wie sie im Antrag gefordert wird, gut gebrauchen, andererseits zerstört das natürlich das Bild des chaotischen, unaufgeräumten Rock’n'Roll.

Eigentlich ist es nur gerecht: Theater werden gefördert, Museen, Bibliotheken und Denkmäler. Klassische Musik eh. Die deutsche Filmwirtschaft könnte ohne Filmförderung kaum überleben – und Zyniker würden fragen, in wie viel Prozent der Fälle das ein Verlust wäre. Von überwiegend privater Kulturförderung sind wir hierzulande noch weit entfernt und glaubt man den Verantwortlichen der Musikindustrie, wird ihr Wirtschaftssektor bald eh ein Fall fürs Amt.

Vielleicht sollten wir einfach mal abwarten. Die Erfahrung zeigt: Die Deutschen werden es schon falsch machen.

Britpop 2.0

Von Lukas Heinser am Dienstag, 23. Oktober 2007 15:07
Kategorie: Rock'n'Roll High School

The Verve haben sich acht Jahre nach ihrer Auflösung wieder zusammengefunden, um gemeinsam auf Tour zu gehen und ein Album einzuspielen.

Gestern veröffentlichten sie bei NME.com einen 14minütigen Mitschnitt der ersten gemeinsamen Jamsession. Zwar sind sie damit nicht die erste Band, bei der man Mäuschen im Proberaum spielen darf, aber eben eine weitere der goldenen Jahre der britischen Rockmusik, die zu ungewöhnlichen Veröffentlichungsmethoden greift.

Radioheads “In Rainbows” entwickelte sich für die Band zu einem schnellen Erfolg, obwohl oder gerade weil man es auch kostenlos legal herunterladen kann. Sofort tauchten Gerüchte auf, auch Oasis und Jamiroquai – ebenfalls Bands, denen es nicht mehr auf jeden Penny ankommen dürfte – würden mit ihren neuen Alben nachziehen. Die neue Charlatans-Single kann man seit gestern kostenlos beim Radiosender XFM herunterladen, das komplette Album soll im nächsten Jahr folgen.

So langsam stellt sich da natürlich auch die Frage, wie lange solche Aktionen eigentlich noch etwas besonderes sein werden. Weniger in dem Sinne, dass derartige Downloads bald die CD ersetzt haben werden (das kann ich mir bei aller Unfähigkeit der Musikindustrie nur schwer vorstellen), als vielmehr so, dass die Downloadangebote inflationär werden und schon bald keinen mehr interessieren.

The Verve in allen Ehren1, aber Proberaummitschnitte landeten früher auf obskuren Bootlegs, B-Seiten, Anthologien oder Hidden Tracks. Fans mussten lange nach solchen Sachen suchen, heute bekommt man sie einfach geschenkt. Die Hardcore-Fans werden sich auch darüber freuen, aber es wird vielleicht auch Leute geben, die den Standpunkt “Was nix kostet ist auch nix!” vertreten und die geschenkten Tracks dann für irgendwie weniger wertig halten.

Es bleibt jedenfalls spannend.

1 Wenn die nach acht Jahren beim ersten Rumdaddeln so klingen, bin ich mal wirklich auf die eingespielte Band im Studio gespannt.

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